Green growth wird den Klimawandel nicht aufhalten – Interview mit Prof. Spash

Investitionen in erneuerbare Energien und grüne Technologien sind Hauptthemen der UN Klimakonferenz. Prof. Clive Spash forscht an der Wirtschaftsuniversität Wien im Bereich der „Sozio-ökologischen Ökonomie“. Seit über dreißig Jahren beschäftigt er sich damit, wie sich unser Wirtschaftssystem auf unsere Umwelt auswirkt. Dafür geht er über die Mainstream-Wirtschaftstheorie hinaus, und arbeitet interdisziplinär, mit Konzepten der Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und Soziologie. Klimareporterin Monika Austaller hat ihn zu green growth befragt.

2010_portrait
Clive Spash, PhD Stellvertretender Institutsvorstand, WU Wirtschaftsuniversität Wien

klimareporter.in: Was ist green growth?

Prof. Spash: Um green growth, also „grünes Wachstum“, zu verstehen, muss man zuerst einmal klären, was mit Wirtschaftswachstum gemeint ist. Die Wirtschaft kann man als Art und Weise erklären, wie Güter und Dienstleistungen der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Wirtschaftswachstum ist also, wie viele Güter und Dienstleistungen wie schnell in der Wirtschaft angeboten werden. Es geht darum, wie viele Produkte du kaufen kannst und wie oft: Kaufst du dir jedes Jahr ein neues Handy? Oder alle zwei, oder drei Jahre? Kaufst du dir CDs, hast du einen CD-Player, und einen MP3-Player? Die Produkte, die du kaufst, werden ständig weggeworfen und ersetzt. Das schafft Probleme, weil die Energie und das Material, die man dafür aufwenden muss, aus der Umwelt abgebaut werden, und dort Schaden angerichtet wird, wenn der Müll wieder in die Umwelt zurückgeht – als giftige Chemikalien, Plastik und Treibhausgase – und das hat eine Reihe verschiedener Einflüsse auf unsere Luft, unser Land und Wasser. Die „grüne Wirtschaft“ soll ein Versuch sein, auf diese Einflüsse des Massenkonsums einzugehen, durch Änderungen der Produktionsprozesse, der Produkte, des Produktdesigns, und der verwendeten Materialien.

klimareporter.in: Warum basiert unsere Wirtschaft auf Wachstum?

Prof. Spash: Die Wachstums-Wirtschaft (growth economy) ist eigentlich relativ neu in der Geschichte der Menschheit und eine besondere Ausprägung der Markwirtschaft. Die Marktwirtschaft selbst, in ihrer modernen Form, ist nur etwa 250 Jahre alt. Das Konzept einer konstant wachsenden Wirtschaft – der Wachstums-Wirtschaft – gibt es erst seit nach dem Zweiten Weltkrieg. Davor sind Wirtschaften nur unregelmäßig gewachsen, durchliefen Konjunkturzyklen und stabilisierten sich wieder. Das veranlasste Ökonomen wie John Stuart Mill dazu, den stationären Zustand (Nullwachstum) als den natürlichen Zustand der Wirtschaft anzunehmen. Die zeitgenössische Wachstums-Wirtschaft ist ein Ergebnis der modernen Periode von Expansion und wird in Wirklichkeit von fossilen Brennstoffen und derartigen Technologien (wie z.B. dem Verbrennungsmotor) angetrieben. Warum wurde die Wachstums-Wirtschaft so dominant? Weil sie mit vielen Aspekten des Kapitalismus Hand in Hand geht. Sie ermöglicht enorme Profite für eine sehr kleine Minderheit der Bevölkerung – jene, die Konzerne besitzen oder durch Anteile beteiligt sind – sie können das Wirtschaftswachstum für sich nutzen, indem sie sich Überschüsse aneignen und Reichtum anhäufen. Technologien und Institutionen der Gesellschaft ermöglichen es einer reichen und mächtigen Elite, das moderne Wirtschaftssystem zu bestimmen.

Klimareporter.in: Welche Rolle spielt green growth auf den UN Klimakonferenzen?

Prof. Spash: Letztes Jahr war die Klimakonferenz in Paris, die große mediale Aufmerksamkeit erregte, weil viele Menschen der Notwendigkeit zustimmten, Treibhausgase zu reduzieren, um zu verhindern, dass der Klimawandel auf unserem Planeten ein Ausmaß annimmt, das verheerend für Menschen und andere Lebewesen wäre. Was dort beschlossen wurde, ist allerdings längst schon überschritten: Das 1.5°C Ziel von durchschnittlicher globaler Erwärmung, sowie jegliche realistische Chance, bei 2°C Erwärmung zu bleiben. Die Abhängigkeit der Wachstums-Wirtschaft von Energie von fossilen Brennstoffen – z.B. für Flugzeuge und Autos – ist direkt mit der Menge ausgestoßener Treibhausgase verbunden. Das Pariser Abkommen sollte dieses Problem lösen, aber tatsächlich geht es überhaupt nicht auf die Wachstums-Wirtschaft ein. Das Pariser Abkommen ist in Wirklichkeit ein Versuch, die Wachstums-Wirtschaft zu verlängern, ohne jegliche fundamentale Veränderungen. Wie das erreicht werden soll? Es wird versprochen, dass irgendeine zukünftige Technologie uns retten wird. Durch unsere Regierungen werden wir denselben Konzernen, die das Umweltproblem geschaffen haben, Milliarden geben, um in neue Energie-Technologien zu investieren, und um ihre Produkte auf eine neue Art zu designen und uns zu verkaufen – auf eine Art, die anscheinend das Wirtschaftswachstum von schädlichem Material und schädlicher Energie entkoppeln soll, die gerade dazu verwendet werden, um Wachstum überhaupt zu ermöglichen.

klimareporter.in: Kann eine grüne Wirtschaft die vorherrschenden Probleme überwinden?

Prof. Spash: Das Problem ist, dass keine einzige moderne Wirtschaft existiert, die von materiellem und energetischem Ressourcenverbrauch entkoppelt ist. Die moderne Wachstums-Wirtschaft ist per Definition eine fossile Brennstoff-Wirtschaft. Was nun gefordert wird, ist ein neuer Typ von Wirtschaft – und das ist gut so, das brauchen wir tatsächlich – aber du kannst keine grundlegend neue Wirtschaft organisieren, die nach wie vor auf fossilen Brennstoffen beruht, das ist ein Widerspruch! Das Entkoppeln, von dem gesprochen wird, ist ein fundamentaler Wandel des Wirtschaftssystems, aber das wird nicht erkannt geschweige denn anerkannt. Wenn du fossile Brennstoffe aus der Wirtschaft entfernst, dann änderst du die Struktur der Wirtschaft tatsächlich fundamental: Dann gibt es keine billigen Güter und Dienstleistungen mehr, keine billigen Flüge, keine Verbrennungsmotoren, keine Autos, keine Lebensmittel, die mitten im Winter von südlichen zu nördlichen Staaten transportiert werden, auch kein Plastik! Erst wenn du alle diese Dinge, die auf fossilen Brennstoffen beruhen, aus der Wirtschaft nimmst, dann hast du die Gesellschaft grundlegend transformiert.

klimareporter.in: Wie würde eine Alternative aussehen?

Prof. Spash: Für eine Alternative braucht es ein fundamentales Überdenken der Art und Weise, wie Gesellschaft heute betrieben wird. Im globalen Norden können Menschen sehr Energie- und Material-intensive, reiche Lebensstile pflegen, auf der Basis von Ausbeutung der Umwelt und anderer Menschen. Dafür müssen Menschen im globalen Süden extrem schlecht behandelt werden, sonst wären derart billige Produkte nicht möglich. Das System beutet diese Menschen also aus und hält die Kosten dadurch gering, dass ihnen nicht die gleichen Standards bei Wohlstand, Gesundheit oder sozialen Bedingungen gegeben werden, und ihre Umwelt zerstört wird. Die Fähigkeit, Ressourcen auszubeuten, wird durch Kriege aufrechterhalten, und wenn nötig, durch das Einsetzen autoritärer Diktaturen in anderen Ländern. Wir müssen das System grundlegend ändern, bezüglich der sozialen und ökonomischen Strukturen, um diese Ausbeutung zu beenden. Das bedeutet, wir müssen uns von der globalisierten Wirtschaft wegbewegen, hin zu lokaleren und regionaleren Wirtschaften, in denen gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Gemeinschaften realisiert, und Lebensmittel und Ressourcen lokal oder regional zur Verfügung gestellt werden. Wenn man bedenkt, woher unsere Ressourcen kommen, und welchen Schaden das anrichtet, ist die Konsequenz, dass wir unseren Ressourcenverbrauch minimieren müssen, statt Material- und Energieverbrauch zu maximieren, wie es die Basis der Wachstums-Wirtschaft ist.