Warum die Arktis uns alle angeht

Die Arktis ist ein vom Klimawandel bedrohter Natur- und Kulturraum. Seine Zerstörung betrifft nicht nur die Inuit, sondern uns alle.

“Es gibt Menschen in der Arktis,” sagt Okalik Eegesiak und es wird still im Raum. Die Kanadierin ist Teil des Inuit Circumpolar Council, einer internationalen NGO, die sich für die Rechte von rund 1.500 Inuits in Kanada, Russland, Grönland und Alaska einsetzt. Sie ist auf die COP23 gekommen um für ihren Kulturraum einzutreten – der ist nämlich stark bedroht durch den Klimawandel: Weil die Temperaturen immer weiter steigen, schmilzt mehr und mehr Eis. Außerdem lassen sich seit mehreren Jahrzehnten Veränderungen am Schelfeis beobachten: Sowohl Dicke als auch Ausdehnung von vor allem mehrjährigen Eis werden weniger und weniger.

Doch nicht nur das Eis leidet, das gesamte polare Ökosystem ist bedroht: Neben Wasserströmen verändern sich auch Fisch- und Planktonpopulation sowie die CO2- Konzentration des Wassers. Paul Wassmann, der an der Universität Tromso unterrichtet, betont während eines Side Events auf der Klimakonferenz, wie wichtig es ist, die Arktis als Komplex an miteinander verbundenen Systemen zu verstehen, um sich passend auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten.   

Während das Schmelzen des Eises laut Eegesiak ein Vorteil für manche Firmen sein kann, weil sie so mehr Ölbohrungen durchgeführt werden können und kürzere Schiffsrouten entstehen, ist es für die Inuit fatal: “Der arktische Naturraum ist Teil unserer Kultur.” Die Arktis als Kulturraum ist laut dem NGO-Mitglied zu wenig Thema in den Verhandlungen. Deshalb möchte sie besonders darauf aufmerksam machen, wie eng verbunden ihr Volk mit der Natur lebt. “Wir hoffen, dass die Machthaber nicht nur Biodiversität erhalten wollen, sondern auch die Vielfalt der Kulturen“.

Die Klimaveränderungen in der Arktis betreffen aber nicht nur die Menschen, die in diesen Regionen leben, sondern jeden von uns. Professor Paul Wassmann erläutert dies mit der Zunahme von Extremwetterereignissen auf der ganzen Welt. Diese führt er auf die ansteigenden Temperaturen in der Region zurück, die zu stärkeren Unterschieden zwischen Sommer und Winter führen und vor allem an den Winden festzustellen sind.

Hinzu kommt der Anstieg des  Meeresspiegels, der ebenfalls auf das Schmelzen der Polkappen zurückzuführen ist.  Davon sind aufgrund ihrer Lage und Topografie vor allem südostasiatische Länder wie Indonesien oder die Philippinen besonders stark betroffen, so Jason E. Box im Rahmen der Diskussion. Doch auch in Europa estimieren WissenschaftlerInnen Folgen: So liegen Länder wie die Niederlanden in gefährlich tiefer Lage. Hinzu kommt, dass die aktuellen wissenschaftlichen Modelle nur ein Mindestmaß an Meeresspiegelanstieg berechnen können, die Auswirkungen des worst-case-scenario lassen sich  daher nur erahnen. Wir wissen also nicht, welche und wie viele Regionen betroffen sein könnten, erklärt Jason E. Box.

Dass die Veränderungen im polaren Naturraum mehr als Eisbären und Pinguine betreffen, wird besonders dann klar, wenn Okalik Eegesiaks über den drohenden Verlust ihrer Heimat und Kultur spricht. Auf der COP sind der Anstieg des Meeresspiegels und die Rechte indigener Völker ein viel diskutiertes Thema. Dabei wird immer wieder erwähnt, dass indigene Völker ihr Wissen an die Welt weitergeben können um gemeinsam an einer Lösung für die Bedrohungen durch den Klimawandel zu arbeiten. Um es mit Eegesiaks Worten zu sagen: “Wir kennen den Weg durch den Schneesturm”.