Der Zyklon Idai – mehr als eine Klimakatastrophe

Am 14.März erreichte der tropische Zyklon die Küste Mosambiks und zerstörte die Hafenstadt Beira, um dann weiter nach Malawi und Simbabwe zu ziehen. Laut der Weltorganisation für Meteorologie (World Meteorological Organization) war es der schlimmste tropische Zyklon der südlichen Hemisphäre. Der verheerendste Zyklon für Mosambik war davor im Jahr 2000 gewesen, aber auch diesen Jänner traf ein schwächerer Zyklon Mosambik und Malawi erneut, unter anderem Beira. Es war also ein extremes Ereignis in seiner Zerstörung, aber es war kein gänzlich neues. Und trotzdem, viele Zeitungen richteten ihre Aufmerksamkeit erst eine Woche später auf die Katastrophe, als mehr Informationen durchzusickern begannen; Titelstories gab es dennoch wenige.

Auch in heimischen Zeitungen wurde nebenbei erwähnt, dass der Zyklon mit dem Klimawandel zusammenhängt und andere Medien widmeten dem Zusammenhang ganze Beiträge, mit unterschiedlichen Aussagen. Hat also der Klimawandel nun den Zyklon so wie er passiert ist verursacht, wie wurde darüber berichtet und welche Forderungen oder Lösungsvorschläge wurden geäußert?

Free-Photos on Pixabay

Die Katastrophe wurde laut Dipti Bathnagar aus dem Mosambik, Klimagerechtigkeits- und Energiekoordinatorin bei Friends of the Earth International, einerseits durch den Zyklon verursacht, andererseits durch Regenfälle stromaufwärts sowie leckende Dämme. Nach der Jänner-Überflutung in Malawi nannte ein Klimawandel-Experte aus einem Beratungsunternehmen zu Umwelt & Entwicklung des Landes einige Gründe für die zerstörerischen Auswirkungen der Flut, die sich bereits bekannt anhören. Abholzung, Landwirtschaft an Flussufern ohne Pufferzonen oder Zubetonierung von ehemals grünen Flächen. Es kommt dazu, dass lokale Regierungsstrukturen schwach sind und öffentliche Gelder veruntreut wurden.

Was in den meisten Zeitungsberichten außen vor bleibt, sind die langfristigen Auswirkungen und wie es für die Region nun weitergeht. Die größten Sorgen im Moment sind zwar weiterhin fehlender Zugang zu Trinkwasser, Lebensmitteln, Hygiene & Medizin und Unterkunft sowie die Ausbreitung von Erkrankungen wie Cholera oder Durchfall. Menschen sind jedoch langfristig über die Zerstörung ihrer landwirtschaftlichen Flächen und den Verlust ihres Sicherheitsnetzes (Nutztiere) und ihrer Ersparnisse (Saatgut) besorgt. In Mosambik lebt mehr als 70% der arbeitenden Bevölkerung von klein-strukturierter Landwirtschaft. In Simbabwe kamen zwei Katastrophen zusammen: die Flut und eine durch das El Nino-Wetterphänomen verursachte Dürre. Eine kürzliche Dürreperiode in der Region hat dazu geführt, dass sich der Boden verhärtet hat, was wiederum den Abfluss des Wassers begünstigt und flutartige Überschwemmungen fördert.

Die Erklärung der Klimawissenschaft

(c)NASA

Was charakterisiert eigentlich einen Sturm wie Idai? Regenfall, Sturmflut und Wind. Wissenschaftler*innen können einzelne Ereignisse zwar nicht auf den Klimawandel zurückführen, höhere Temperaturen und wärmere Ozeane erhöhen jedoch die Intensität, Reichweite und Häufigkeit tropischer Stürme. Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf halten, was zu stärkeren Regenfällen führt und der Meeresspiegelanstieg führt zu höheren Flutwellen. Im Südindischen Meer konnte nachgewiesen werden, dass für den Nordatlantik schon früher übliche Stürme der Kategorie 5, also hoher Intensität, seit 1994 immer häufiger wurden. Und in der diesjährigen Zyklon-Saison im Indischen Ozean gab es bereits sieben starke Zyklone, durchschnittlich wären es nur drei. Eine zusätzliche Erklärung ist, dass durch den Klimawandel mehr Zustände in Ozean und Atmosphäre zusammentreffen, die für die Bildung eines Zyklons Voraussetzung sind. Durch den Klimawandel werden extreme Sturmschäden häufiger werden und in einem größeren Gebiet auftreffen.

Aber es ist ein bisschen komplizierter, denn höhere Temperaturen in der Atmosphäre können die Zyklonwinde auch verstreuen und damit den Zyklon schwächen.

Abseits der Komplexität des Ganzen: was den Unterschied macht ist die Vulnerabilität der betroffenen Bevölkerung, also Anfälligkeit auf Wetterextreme. Denn ein gleich starker Wirbelsturm, ob Zyklon oder Hurrikan genannt, hat in USA und Mosambik ganz andere Auswirkungen. Daher vertreten Entwicklungs-Experten schon lange die Meinung, dass im Wiederaufbau erhöhte Straßen und robustere Häuser, die den Zyklon-Winden trotzen, Priorität sein sollten. Ganz nach dem Prinzip der Resilienz, also der Toleranz eines Systems gegenüber Störungen. Das wird also auch eine (Heraus-)forderung, nicht nur globale Emissionsreduktionen als Verhinderungsstrategie.

Wie wir in den Medien über Katastrophenereignisse berichten

(c) Roman Kraft on Unsplash

Ob bei einem Regensturm oder einem Anschlag, sich wiederholende und apokalyptische Berichterstattung voller Stereotype ist üblich für Katastrophenereignisse. Betroffene werden als hilflose, passive und in Panik geratene Opfer dargestellt, egal ob sie sich tatsächlich wie im Fall von Idai durch Whatsapp-Gruppen organisieren und gegenseitig helfen. Ich wage einmal zu behaupten, dass diese Darstellung auch lange nach dem Desaster auf die Wahrnehmung der Region aus dem Ausland abfärbt.

Betroffene können in Berichten prominent vorkommen (und oft auch nicht), ihre Definitionsmacht über die Wahrnehmung der Situation liegt aber unter der von Behörden. Was dem Katastrophen-Journalismus fehlt, ist oft wie oder warum Ereignisse entstehen, welche unterschiedlichen Auswirkungen sie haben und – ganz wichtig – wie man sie in Zukunft vermeiden kann. Wie es weiter in der auf Oxford publizierten Studie heißt, sind Medienberichte oft unpolitisch wegen fehlender journalistischer Ressourcen und mangelnden Wissens um die lokalen Gegebenheiten sowie Abhängigkeit von Berichten z.B. des Staates. Dass sich viele journalisten auf die Aussagen von Katastrophenhelfer*innen stützen, was man in vielen Medienberichten als Zitate nachchecken kann, ist problematisch. Denn die Bedürfnisse Monate nach der Katastrophe sind nicht die gleichen wie wenige Tage danach.

Naturkatastrophen wie Stürme werden im Vergleich zu menschengemachten Katastrophen wie Öllecks als eher zufällige Ereignisse berichtet, die weniger kritisch in ihren Ursachen und Auswirkungen unter die Lupe genommen werden.

I have always found that the most interesting part of reporting disasters, which brings them to life in my mind, is the way in which they reveal, like nothing else, what a society is really like.


Patrick Cockburn, investigativer Journalist

Medienhäuser haben sich zu Erzeugern von Inhalten, möglichst viel und schnell, gewandelt und Beat journalism (Engl. für in-die-Tiefe-gehend) ist weitgehend verschwunden. Durch Kürzungen ist heute Parachute Journalism vorherrschend, in dem Journalisten kurzfristig an den Ort des Geschehens geschickt werden – wenn überhaupt. Je weiterer der Ort von USA oder Westeuropa desto weniger journalistische Beiträge vor Ort und desto kürzer die Aufmerksamkeit auf das Ereignis. Zusätzlich macht es für die mediale Aufmerksamkeit schon etwas aus, ob ein Ereignis Sub-Sahara Afrika oder Westeuropa beispielsweise trifft. Und wie oft wird über die einzelnen westlichen Opfer berichtet? Wie oft wird als Ort Afrika genannt, als ob es ein Land wäre?

(c) Mitch Lensink on Unsplash

Der westlichen Welt, und besonders Journalisten aus diesen Ländern, wird daher vorgeworfen, sich doppelter Standards zu bedienen. Dies trifft  nicht nur bei Klimawandel-Themen zu, sondern vor allem in der Berichterstattung von Terrorakten. Zuletzt zu dem in Christchurch, wo wie üblich der Täter erst als einsamer Wolf statt ideologisch motivierter Rechtsextremer dargestellt wurde; bei einem muslimischen Attentäter hatte man sofort eine Organisation dahinter vermutet. Ein anderer Fall: häufige Öllecks in Nigeria, die bei weitem das Ausmaß von Lecks wie Deepwater Horizon übersteigen, wurden bis jetzt von Erdölfirmen ignoriert und die mediale Aufmerksamkeit fehlte. Selbst die Aufnahme einer großen Ermittlung vor ein paar Tagen hat den Nachrichtenwert anscheinend wenig erhöht; ich kann mich jedenfalls an keine Cover-Stories erinnern.

Wie gingen die Medien mit Idai um?

Es vergingen etwa vier Tage bevor die Zerstörung in Mosambik weltweit Schlagzeilen machte, aber auch dann wurde der Ausmaß der Katastrophe nicht kommuniziert. Warum das passiert ist hat mehrere Gründe: die Abgelegenheit vieler betroffener Gebiete, schlechte Internetdurchdringung und Infrastruktur, seltsamerweise ein Überraschungseffekt und die heutige Art des Journalismus. Eine zusätzliche Erklärung ist der geschwächte Zustand des mosambikanischen Staates, der sich übrigens die ersten Tage in Stille übte, durch Schuldenkrise und Mis-Management jetziger und ehemaliger Regierungen (das Schweizer Banker nebenbei auch unterstützten) und der starken Abhängigkeit der Wirtschaft vom extraktiven Sektor mit mineralischen und Energierohstoffen. Dass der Staat Mosambiks klar mit der Krise überfordert war und kaum Ressourcen zur Verfügung stellen konnte war auch nicht (gleich) klar berichtet.

As Idai swept across Mozambique it encountered a state weakened by an extractivist development model and captured by global capital.” –


Ruth Castel-Branco, Redakteurin bei der progressiven mosambikanischen Medienplattform Alternactiva

Die Berichterstattung auch in heimischen Zeitungen fokussierte sich auf die Abschätzung von Todesopfern und Schäden der Infrastruktur sowie Spendenaktionen. “Names are a form of inclusion“, Vermisste namentlich zu nennen gibt ihnen Würde und Individualität, so schreibt ein in Großbritannien lebender Dozent aus Simbabwe Er ruft dazu auf, eine Liste mit allen Todesopfern von Mosambik, Simbabwe und Malawi zu erstellen. Und er erzählt von einer Namensliste, die in einer Schule aufgetaucht ist und den Nachrichtenstrom aus steigenden Opferzahlen zumindest in der Region durchbrochen hat.

(c) Nick Hillier on Unsplash

Wie bei anderen Katastrophen-Ereignissen wurden Behörden, die Ex-First Lady Mosambiks oder Hilfsorganisationen zitiert, dafür wenige Wissenschaftler*innen, Betroffene vor Ort und Vertreter*innen sozialer oder umweltpolitischer Organisationen, die sich vor Ort befanden oder in der Region arbeiten. Hier zitierten am ehesten The Guardian Wissenschaftler*innen und Democracy Now! holte Betroffene als auch die erwähnte Klimaaktivistin im gleichen Beitrag vor die Kamera. The Conversation, das für unabhängigen Journalismus durch Wissenschaftlicher*innen steht, hat einen guten Artikel hier. Ich finde es problematisch, bei allem Respekt in diesem komplexen Thema in einem Artikel nur den UN-Generalsekretär zu zitieren und nicht auch die wissenschaftliche Perspektive, um da tiefer zu gehen.

Es gibt noch ein Problem

“Our continent continues to be an El Dorado for the coal cheerleaders and big business determined to carry on its coal-onisation.”


Landry Ninteretse, Africa lead for 350.org

Auf dem afrikanischen Kontinent wird weiter nach Kohle gegraben und es werden neue Kohlekraftwerke gebaut, viele von ihnen von der Afrikanischen Entwicklungsbank ko-finanziert. So schreibt auch Landry Ninteretse auf The Guardian. Wurde das Thema auch in anderen Medien erwähnt? Internationale Firmen werden bald mehr Erdöl in Uganda oder Gas und Leichtöl vor der Küste Südafrikas fördern. Ausgerechnet der Kontinent, der für 4% der weltweiten Emissionen verantwortlich ist, hat nun auch mit den sozialen- und Umweltfolgen nicht zukunftsfähiger Projekte zu rechnen.

Braunkohle-Tagebau in Deutschland
(c) Tobias Juessen on Unsplash

Wie es jetzt weitergeht

Viel Infrastruktur wird wiederaufgebaut werden müssen, aber genauso ökonomische und soziale Strukturen. In Zukunft wird es auch bessere Kommunikation zwischen Staaten in der Wetterprognose brauchen, Adaptations-Maßnahmen, bessere staatliche Katastrophenrisikomanagement-Pläne und gemeinsame Anstrengungen für Evakuierungen. Die Ärmsten können sich nämlich ohne Unterstützung nicht leisten zu fliehen.

Die NGO Justice Ambiental, Friends of the Earth Mozambique, hat zu einer Rückzahlung von “Klimaschulden” aufgerufen. Die kenianische Autorin twitterte: “ExxonMobil, which is developing giant gas deposits off northern Mozambique, said it would donate $300,000 to relief efforts. @exxonmobil’s 2018 quarterly profits: $6 BILLION. $300,000 is less than 7 minutes of their 2018 profits.” Journalistin und politische Aktivistin Naomi Klein fügte hinzu, dass Exxon seine Klimaschulden zahlen muss. Die Frage ist tatsächlich – zuerst einmal theoretisch – wer sollte für entstandene Schäden zahlen? Wer ist denn “schuld”?

Großbritannien hat zum Beispiel an die 25 Millionen Euro Unterstützung bereitgestellt beziehungsweise  zugesichert, vor einigen Tagen aber gleichzeitig trotz lokalen Protesten einen neuen Kohlebergbau genehmigt. 2015 wurde noch ein Kohleausstieg bis 2025 angekündigt. Österreich stellt 300.000 € zur Verfügung denn “wer schnell hilft, hilft doppelt”, klimapolitisch wird die Dringlichkeit dann doch anders gesehen. Zusätzlich gab es Kritik an dieser Ankündigung von $-Zahlen in der internationaler Hilfe für Idai-Betroffene; denn was gebraucht war und ist sind Ressourcen, nicht Geld. Wo waren die Helikopter, die so dringend gebraucht wurden?

Der Zyklon trifft Mosambik in einem Moment in dem Justice Ambiental gegen die (Aus-)nutzung der Gasvorkommen im Norden Mosambiks durch internationale Unternehmen ankämpft. Die Herausforderung wird sein, den 70% der Bevölkerung ohne Elektrizitätszugang nachhaltige Energie bereitzustellen, sowie kurzfristig die zerstörten Leitungen wiederaufzubauen. Dipti Bathnagar fügt noch hinzu:

We would love to talk to the school strikers…We would love to talk to those in the parliament in the U.S. who are pushing this Green New Deal…I am available anytime to speak to school strikers, to speak with people in the U.S. Congress who are allies.We really need to strengthen the narrative of equity and of historical responsibility.

Wie wir wissen, werden in den nächsten Wochen die Medienberichte versickern, sobald aus medien-technischer Sicht nichts Neues mehr passieren wird.


Hier auf The Guardian, in einer Sammlung offener Briefe als Reaktion auf Idai, schlägt jemand vor, Klima in Wetterprognosen im TV einzubinden und damit das dringende Thema für alle sichtbar zu machen. So wie schon in den USA mit Climate Central und ihrem Programm Climate Matters, in dem Wissenschaftler Ressourcen dafür zur verfügung stellen, der Fall ist.  

Ein Schlusswort. In einem Artikel zu Idai wurde der Psychologe Jamil Zaki von der Stanford University zitiert.  Er stellte in einem TED-Talk eine Studie vor, nach der Empathie ist in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich abgefallen ist. Empathie zu haben bedeutet, sich in die Lage oder emotionale Befindlichkeit einer anderen Person oder Gruppe einzufühlen. Er betont auch, dass Empathie eine Fähigkeit und kein Charakterzug ist und dass es problematisch ist, dass sie bis jetzt üblicherweise als letzteres dargestellt wird. Vielleicht würde ein gesellschaftliches Erlernen von mehr Empathie auch nicht schaden (hier Beispiele), neben ambitionierten Emissionsreduktionen vor allem derer, die für die heutige Klimakrise verantwortlich sind. Und wie wäre es damit, selbst beides vorzuleben?

(c) Remi Walle on Unsplash

(c) Coverbild: Adriana Bascone

Hits: 81