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1,5°C und die COP 24

Wie die Weltpolitik die Top-Wissenschaft weiterhin gekonnt ignoriert

Die Erwartungen waren groß vor der diesjährigen COP24 in Katowice.

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Im Herbst war der IPCC Special Report veröffentlicht worden, der die Auswirkungen und relativen Vorteile einer Einschränkung der durchschnittlichen Erderwärmung auf 1,5°C behandelt. Die positive Nachricht des IPCC Special Reports, nämlich, dass mit ambitionierten und schnellem Handeln das 1,5° Ziel wirklich noch erreicht werden kann, erhielt verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit von Medien in aller Welt.

Leider waren nicht alle Variablen einem ambitionierten Ergebnis in Katowice so positiv gestimmt. Der Klimawandel-skeptischen Politik Donald Trumps schloss sich diesen Herbst der neue Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro an. Die Türkei möchte nicht mehr als Industriestaat angesehen werden, um weniger strenge Vorlagen erfüllen zu müssen und das Austragungsland Polen wirbt für „saubere“ Kohle. Diese und viele weitere Umstände verkomplizierten die Ausgangslage der Klimakonferenz.

Gleich zu Beginn der COP24 präsentierte Polen die sogenannte „Just Transition Declaration“. Das Dokument spricht sich für eine gerechte, nachhaltige Veränderung aus, bei der Arbeitsplätze geschaffen werden. NGOs kritisierten daran, dass das 1,5° Ziel darin nicht erwähnt wurde.

Von vielen Vertragspartnern wurde bei der Eröffnung der diesjährigen Klimakonferenz jedoch die Dringlichkeit betont, dass bei der COP24 ein (ambitioniertes) Rulebook entstehen muss und dabei auf den erst kürzlich veröffentlichten IPCC Special Report verwiesen.

Dieser positive Auftakt kam Mitte der ersten Woche ins Stocken. Als Erstes erweckte die Arabische Gruppe, für die meist Saudi-Arabien spricht, Aufmerksamkeit mit ihrer Forderung, den IPCC-Report nicht im Rulebook zu erwähnen, an dem momentan gearbeitet wird. Am Ende der ersten Verhandlungswoche dann das traurige Erwachen: Die Vertragsparteien konnten sich auf keine Formulierung einigen. Was auf ersten Blick bloß zwei Wörter („welcome“ und „note“) sind, schlägt große diplomatische Wellen. Während der Großteil der Staaten den IPCC-Report als Hilfe im Vorgehen miteinbeziehen wollen, blockieren die USA, Saudi-Arabien, Kuwait und Russland diesen Ansatz. Sie wollen die Arbeit der Wissenschaftler lediglich zur Kenntnis nehmen aber nicht weiter in den Entscheidungsprozess inkludieren. Diese zwei Seiten hatten sich in ihrer Stellung so weit festgefahren, dass eine Entscheidung über dieses Thema auf das nächste Treffen im Juni verschoben wurde.

Am Ende der zweiten Woche kam dann eine etwas skurrile Wende. Die Vertragsparteien einigten sich doch noch auf die Formulierung „it ‚welcomes the timely completion‘ of the report“. Soll heißen die schnelle Vollendung des IPCC Special Reports wird im Rulebook ‚begrüßt‘. Inwiefern die Pünktlichkeit und Geschwindigkeit der Wissenschaftler*innen beeinflusst, WIE die im Paris Agreement festgelegten Ziele erreicht werden, ist in Frage zu stellen.

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Es ist eine sehr traurige Nachricht für die (Klima-) Wissenschaft, dass sich die Vertragspartner nicht einmal darauf einigen konnten, die Ergebnisse des IPCC Special Reports im Rulebook zu „begrüßen“. Von Seiten der Wissenschaft wurde verzweifelt versucht, auf die Dringlichkeit schnell zu handeln hinzuweisen, aber es scheint als würden einige Länder dieser Welt, unter anderem die USA, beschließen, die extrem dringliche Stimme der Wissenschaft weiterhin zu ignorieren.
Die Problematik dabei ist, dass es sich bei den Folgen des anthropogenen Klimawandels um Tatsachen handelt. Es hilft niemanden, die Augen zu verschließen und sich zu weigern, der Realität ins Auge zu sehen. Der anthropogene Klimawandel existiert.  Das 1,5° Ziel kann mit ambitionierten Maßnahmen erreicht werden und es lohnt sich auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene um jedes Zehntel-Grad weniger Temperaturanstieg zu kämpfen. Wir können es uns wirklich nicht leisten, wichtige Taten weiter hinauszuzögern, denn aus dem IPCC-Report geht deutlich hervor, dass wir in den nächsten 12 Jahren die Kurve kratzen müssen. Ist diese Zeit erst einmal verstrichen, rückt zumindest die Eingrenzung der Erderwärmung auf durchschnittlich 1,5°C in weite Ferne. Bleibt nur zu hoffen, dass unsere Politiker doch noch rechtzeitig aufwachen und den nötigen Rahmen für eine positive Zukunft schaffen.


Zum IPCC Special Report

IPCC steht für Intergovernmental Panel on Climate Change.

Diesen Herbst erschien nach Rekordzeit ein neuer IPCC Special Report an dem unzählige Top-Wissenschaftler gearbeitet haben, um die Frage zu beantworten, ob es sich auszahlt die durchschnittliche Erderwärmung nicht nur auf 2° sondern auf 1,5° einzuschränken. Das Ergebnis kam für die Komplexität der Frage und des Prozesses extrem schnell und ist ungewöhnlich deutlich. Ja zusätzliche 0,5° durchschnittliche Erderwärmung hätten bemerkenswerte Unterschiede. Es zahlt sich daher aus um jedes Zehntel Grad Erderwärmung zu kämpfen.

Zur COP24

„COP“ steht für „Conference of the Parties“ und ist im deutschsprachigen Raum als UN-Klimakonferenz geläufig. Diesen Dezember hat die 24. Klimakonferenz in Katowice, Polen stattgefunden. Das Ziel war ein „Rulebook“ zu verhandeln in dem stehen soll, WIE die 2015 im Paris Agreement festgelegten Ziele erreicht werden sollen.


Zum Weiterlesen

Special Report: Global Warming of 1.5 ºC – Summary for Policymakers

Just Transition Declaration

Climate Tracker

Climate Action Network

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