Mehr Platz, mehr Grün, weniger Stau, weniger Abgase. Paris will den Verkehr verstummen lassen. In einem Volksentscheid im März haben die Pariser*innen für die Einrichtung von 500 autofreien Straßen in ihrer Metropole gestimmt. Eine Stadt (fast) ohne Autos – kann das funktionieren? Und was kann sich Wien von der französischen Hauptstadt abschauen?
Wer an der Seine entlang durch Paris schlendert, dem fällt auf: Hier sieht es anders aus als in anderen Großstädten. Statt stressigem Straßenverkehr gibt es überall Radwege, Parks und Flaniermeilen. Seit Anne Hidalgo 2014 das Amt der Bürgermeisterin übernommen hat, setzt sie sich für eine grüne Verkehrswende in der französischen Hauptstadt ein. Die Tempo-30-Zonen wurden erweitert und bestimmte Bereiche der Innenstadt sind nun für den Durchgangsverkehr gesperrt. Von den rund 6.000 Straßen der Stadt sind bereits 220 vollständig autofrei, insbesondere in der Nähe von Schulen. Jetzt sollen weitere 500 hinzukommen. Welche Straßen betroffen sind, soll lokal geklärt werden – Bürger*innen sollen etwa dazu befragt werden. In jedem der 20 Stadtviertel ist laut Plan die Sperrung von rund 25 Straßen für den motorisierten Verkehr vorgesehen.
Die 15-Minuten-Stadt
„Die Auswirkungen so einer Entscheidung auf die Luftqualität ist deutlich“, erklärt Carlos Moreno. Der französisch-kolumbianische Stadtforscher und Berater der Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat das Konzept der „15-Minuten Stadt“ (ville du quart d’heure) entwickelt. Ziel sei es, das Leben in Städten lebenswerter, nachhaltiger und sozial gerechter zu gestalten.
Im Zentrum des Modells steht die Idee, dass alle Menschen innerhalb von 15 Minuten – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn – Zugang zu den wichtigsten Funktionen des Alltags haben sollten. Dazu zählen Wohnen, Arbeit, Einkaufen, Bildung, medizinische Versorgung, sowie Kultur- und Freizeitangebote. Ein zentrales Element der 15-Minuten-Stadt sei es, den Autoverkehr stark zu reduzieren – nicht, um ihn zu verbieten, sondern um alternative Mobilität wie Gehen, Radfahren und öffentliche Verkehrsmittel attraktiver zu machen.
In den letzten 20 Jahren habe die Luftverschmutzung in der französischen Hauptstadt erheblich abgenommen, was direkt mit der Verringerung von Autoverkehr in der Innenstadt zusammenhänge, erklärt Moreno, der als Professor an der IAE-Universität Paris Sorbonne unterrichtet. Außerdem sei durch die Reduzierung von Parkplätzen neuer Platz entlang des linken Seine-Ufers entstanden: Statt Beton gibt es dort nun Parks, Beach-Volleyball-Plätze und den berühmten „Paris-Plage“ – ein städtisches Sommerprojekt, das Paris in eine künstliche Strandlandschaft verwandelt.
Eine Stadt im Wandel
Als Symbol für die zukünftige Gartenstadt gilt auch der „Forêt Urbaine“ auf dem Vorplatz des Rathauses. Seit Juni ist der kleine Stadtwald fertig und sorgt für frischen Wind und Schatten. Das helfe dabei Hitzeinseln in der Innenstadt zu vermeiden, erklärt Magdalena Kehrl. Sie ist Masterstudentin für Stadt- und Raumplanung an der Sorbonne in Paris und erlebt die Transformation ihrer Stadt unmittelbar mit.
Die Idee, die französische Hauptstadt „autoleichter“ zu gestalten, findet sie grundsätzlich sinnvoll. Nicht nur schaffe das Vorhaben mehr Sicherheit für Fußgänger*innen und Radfahrende, welche traditionell den Autos im Straßenverkehr untergeordnet sind. Auch die Schädlichkeit von Abgasemissionen werde dadurch bewusst versucht einzudämmen.

Allerdings stelle sich für Magdalena die Frage: Wohin mit den Autos? Mehr Parkhäuser und -garagen zu bauen, sei keine nachhaltige Lösung. Sowohl der Bau als auch der Betrieb würden einen enormen Material- und Energieverbrauch verursachen. „Wenn wir Autos in der Innenstadt verbieten, dürfen wir nicht die Großstädte weiter ausweiten – das geht auch gegen den Nachhaltigkeitsgedanken“, ergänzt sie.
Ein weiteres Problem: Eine autofreie Stadt sei nicht an die Bedürfnisse aller Menschen angepasst. Viele Pariser*innen seien aufgrund der hohen Bodenrente gezwungen, in die Vororte zu pendeln. Auch ältere Menschen oder Familien mit Kindern seien häufiger auf ein Auto angewiesen. „Wenn Orte nicht mehr für alle zugänglich sind, dann schließt das automatisch bestimmte Gruppierungen aus“, erklärt die Studentin. Wichtig sei deshalb vor allem weiter in den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel zu investieren. Menschen, die nicht zwingend auf ein Auto angewiesen sind, würden dadurch angeregt, freiwillig auf nachhaltigere Fortbewegungsmittel umzusteigen.
Auch in der Pariser Bevölkerung stößt das Vorhaben auf gemischte Reaktionen. Viele begrüßen die Idee, weil sie die positiven Auswirkungen im Alltag bereits spüren: weniger Lärm, bessere Luft und mehr Platz für Fußgänger*innen und Radfahrende. Andere hingegen befürchten, dass die Maßnahmen nicht ausreichend durchdacht sind und Autofahrer*innen zu stark eingeschränkt würden. Am Referendum haben nur vier Prozent der berechtigten Wähler*innen teilgenommen. Für die politische Umsetzung ist das Ergebnis dennoch ausreichend und der Weg für die geplanten autofreien Straßen damit frei.
Was kann Wien von Paris lernen?
Paris zeigt wie entschlossene Verkehrsberuhigung und klimagerechte Stadtgestaltung Hand in Hand zu mehr Lebensqualität führen. Gleichzeitig zeigt der Städtevergleich aber auch, dass Lösungen stets lokal angepasst sein müssen. Die beiden Hauptstädte unterscheiden sich grundlegend in ihrer Bevölkerungsdichte und ihrem Städteaufbau.
„Wäre Wien so dicht besiedelt wie Paris, würde das bedeuten, dass alle Bewohner:innen in der Donaustadt lebten“, erklärt eine Sprecherin des Referats für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Der sogenannte „Wien-Plan“, der aus dem Stadtentwicklungsplan 2035, sowie der Smart Klima City Strategie Wien besteht, sehe unter anderem vor, in den öffentlichen Verkehr und den Ausbau von Radwegen und Fußgängerzonen zu investieren. Diese Maßnahmen sollen helfen den „motorisierten Individualverkehr“ einzudämmen. Bereits jetzt würden 75 Prozent der Wiener*innen ihre Wege umweltfreundlich zurücklegen – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem öffentlichen Nahverkehr.
Ganz auf das Auto verzichten könne man aber nicht: Die Wiener Stadtplanung begreife es als ergänzendes Verkehrsmittel. Es sei nach wie vor davon auszugehen, „dass auch in Zukunft Autos in Wien zum Straßenbild dazugehören werden“, heißt es.
Die Idee der autofreien Stadt begeistert nicht jeden. Das Beispiel Paris zeigt jedoch: Wer den Mut hat, Straßen neu zu denken, gewinnt Raum, Lebensqualität und Klimaschutz zugleich. Auch Wien und andere europäische Städte können so den Grundstein für eine nachhaltige urbane Zukunft legen. Wer noch nicht überzeugt ist, dem rät der Urbanist Carlos Moreno selbst nach Paris zu kommen: „Ich werde Ihr persönlicher Guide sein und Ihnen diese beeindruckende Transformation der Stadt hautnah zeigen.“
Titelbild: Laetitia Pfau
