Climate Justice – Ein Exkurs in die Geschichte und Philosophie

Ist es gerecht, dass Menschen in benachteiligten Regionen die schlimmsten Klimafolgen zu tragen haben, obwohl sie nur wenig zum Klimawandel beitragen?  Sollte man etwas dagegen tun? Und wenn ja, wer trägt die Verantwortung?

Autorin: Elena Pichler

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich geschichtlich etwas ausholen. Dabei möchte ich auf folgende Begriffe eingehen: Kolonialismus und Industrialisierung.

Die Entdeckung Amerikas gab den Startschuss für die Kolonialisierung von Ländern. Das bedeutet, dass eine Land (hauptsächlich europäische Länder) über ihr ursprüngliches Territorium expandierten.

Die Merkmale dieser Fremdherrschaft waren: die gesamte Gesellschaft des kolonialisierten Landes wurde in kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten auf die Kolonialherrn angepasst. Dieser Vorgang ging auch einher mit Gewalt, rassistischen Hierarchien, aber vor allem mit wirtschaftlicher Ausbeutung.

In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts machten sich viele afrikanische Kolonien unabhängig. Doch Unabhängigkeit bedeutete nicht unbedingt Stabilität. Die meisten Länder wurden nicht besonders gut oder bankrott in die Unabhängigkeit entlassen, so Thomas Bierschenk, Professor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, in einem Interview mit N-TV

Vieler dieser Länder sind heute Entwicklungsländer und können sich nur wenige Maßnahmen gegen den Klimawandel leisten, insbesondere in Afrika, dem vom Klimawandel am stärksten betroffenen Kontinenten (IPCC 1998).   

Vor 200 Jahren begann die Industrialisierung in Europa. Deren Hauptmerkmal ist, dass Produkte mit Maschinen hergestellt werden. Dafür wurden Motoren und Dampfmaschinen verwendet, die sehr viel CO2 produzieren. Insgesamt haben Europa und die USA rund 60% der historischen CO2 Emissionen  zwischen 1900 und 1999 zu verantworten. Im Vergleich dazu haben alle Entwicklungsländer zusammen nur 21% der Emissionen produziert.

Inzwischen ist Europas Anteil an den Emissionen viel geringer (16,5 %). Und da stellen sich die Fragen:  Sollte der Westen Verantwortung für sein vorangegangenes Handen übernehmen? Tragen also wir die Schuld für die Vergangenheit?

Mit dieser Frage hat sich schon das Christentum beschäftigt. Die sogenannte Ursünde bezeichnet den Zustand, dass der Mensch durch das Verhalten seiner Vorfahren geschwächt wurde. Diese Schuld treffe den Menschen nicht konkret. Doch durch Wiederholung des “Fehlers” wird demzufolge die Urschuld zur persönlichen Schuld (Orf Religion).
Übertragen würde das bedeuten, dass  der heutige Westen zwar nicht die Verantwortung dafür trägt, was vor 200 Jahren passiert ist, aber sehr wohl dafür, dass er das Verhalten der Vergangenheit wiederholt.

Aber vielleicht ist der Blick in die Vergangenheit die falsche Richtung?

Der Philosoph Hans Jonas geht in seinem Buch das  “Prinzip der Verantwortung” der Frage nach, ob die Menschheit ein Recht auf “Massenselbstmord” hat und beantwortet diese Frage mit Nein. Aus dieser Entscheidung entstünde ihm nach auch die Verantwortung, die Natur für die künftigen Generationen zu erhalten (Umweltethikskriptum, Peter Weish).

Robert Spaemann, Professor für Philosophie, meint, dass aus der “Pflicht des Wissens” auch eine “Pflicht des Wissenden” entstünde. Ein Arzt habe die Pflicht  einen Menschen in akuter gesundheitlicher Gefahr zu helfen, weil er dazu in der Lage ist. Genauso hätten alle Personen, die über Wissen verfügen, die Verantwortung auch nach diesem Wissen zu handeln (Umweltethikskriptum, Peter Weish).

Also Nein, wir tragen nicht die Schuld für die Fehler unserer Vorfahren. Wir tragen auch nicht die Schuld für den Ort an dem wir geborenen wurden. Aber solange wir von den Profiten des Kolonialismus und der Industrialisierung leben, tragen wir auch die absolute Verantwortung über deren Folgen. Wir haben die Verantwortung, aus den Fehlern unserer Vorfahren zu lernen.

Deswegen denke ich, dass der Westen die Probleme in den Entwicklungsländern nicht ignorieren kann und darf. Wir tragen die Verantwortung, weil wir mehr Wissen über Maßnahmen gegen den Klimawandel verfügen und wir auch über Mittel verfügen diese umzusetzen. Mittel, die wir zum Teil den Ahnen der Menschen in den Entwicklungsländern zu verdanken haben.