Coronakrise: Darf man jetzt für´s Klima auf die Straße gehen?

Eine Momentaufnahme vor dem Weltweiten Klimastreik am 25. September.

Es klingelt und vibriert abwechselnd. Nervös beantworte ich die nächste von hundert Nachrichten, die am Handy oder Laptop eintrudeln. Dabei sind gute und schlechte Neuigkeiten. Als Klimaaktivistin vor einem globalen Streik während Corona weiß ich, dass wir uns auf nichts verlassen dürfen. Weder auf die Versammlungsfreiheit und schon gar nicht auf das Wetter. Und jederzeit kann der Bundesrat spontan unsere Kundgebung kippen.
Ist heute passiert. Zusagen kommen und gehen. Infektionszahlen steigen. Die Klimakrise bleibt und wir machen weiter. Aber darf man das jetzt eigentlich?

Pünktlich zur vermeintlich zweiten Corona-Welle hat die Klimabewegung einen neuen globalen Streiktag fixiert. Am 25. September werden tausende Menschen in mehr als 2500 Städten ihre Bildung bestreiken und auf der Straße demonstrieren. So auch in Österreich und der Hauptstadt Wien, wo bald entscheidende Wahlen stattfinden. Dominant in den Medien ist allerdings Corona: Seit Sommerende sind wieder mehr Menschen infiziert. Mehrere Länder stufen Wien als Risikogebiet ein, die türkis-grüne Regierung verordnet strengere Maßnahmen. Dass nun Klimastreiks mit mehreren hundert Menschen stattfinden sollen, kritisieren einige, nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft. Für uns als Klimabewegung war es keine einfache Entscheidung. Trotzdem gehen wir am Freitag mit Abstand und Masken auf die Straßen.

Waldbrände in Kalifornien, Griechenland und Sibirien haben 2020 weniger Schlagzeilen gemacht, passiert sind sie dennoch. Das Auftauen der Permafrostböden schreitet voran, auch wenn Corona jede TV-Sendung dominiert. Der Amazonas-Regenwald wurde in der Pandemie weiter abgeholzt. Das Resultat: Die grüne Lunge des Planeten steht kurz vor einem gefährlichen Kipppunkt. Neue fossile Großprojekte werden gebaut, um “die Wirtschaft” anzukurbeln, und bei der Wien-Wahl 2020 spielt die Klimakrise nur eine untergeordnete Rolle. Das Jahr 2020 wird global als das heißeste der Messgeschichte eingehen. Klimastreiks, die rasches politisches Handeln fordern, sind mit Blick auf die Faktenlage unverzichtbar, um den nötigen Wandel zu schaffen.

2019 war das große Jahr der Klimabewegung: Nie zuvor gingen so viele Menschen weltweit für mutige Klimapolitik auf die Straße. In Österreich, zwei Tage vor der Nationalratswahl, kamen insgesamt 150 000 Menschen in allen Landeshauptstädten zusammen, um Klimagerechtigkeit zu fordern. Das Resultat war beeindruckend: Die Klimakrise dominierte den Wahlkampf. Und mit der neuen Regierung wurde das in puncto Klimaschutz ambitionierteste Regierungsprogramm aller Zeiten verabschiedet. Österreich soll bis 2040 klimaneutral werden. Große Versprechen. Dann kam Corona, der Lockdown und Business As Usual: Statt Corona-Konjunkturpakete an Klimabedingungen zu knüpfen, wurden fossile Firmen wie die Austrian Airlines mit Steuergeld gerettet.

Ein paar Monate später organisieren wir wieder Klimastreiks, wenn auch unter völlig veränderten Umständen. Menschenmassen sind alles andere als angesagt. Stattdessen wird es Fotos mit Mund-Nasenschutz und Abstand geben. Schilder wie „Behandelt auch diese Krise!“ und „Die Klimakrise ist die große Schwester von Corona“ werden die Demozüge zieren. Es ist schwierig, in einer Pandemie für Klimagerechtigkeit zu mobilisieren. Die steigenden Infektionszahlen schrecken viele ab, Exkursionen als ganze Schulklasse sind nicht möglich. Doch bleibt die Frage: Wer soll das Recht auf eine lebenswerte Zukunft einfordern, wenn nicht wir? Niemand weiß, wann Corona vorbei ist. Aber wir wissen, dass die Klimakrise mit jedem Tag rascher voranschreitet und Menschenrechte gefährdet. Als privilegiertes Land haben wir die Pflicht, unser Demonstrationsrecht zu nutzen, wenn wir können. Andere Länder können das nicht. Weil ihre Häuser brennen, sie überflutet sind oder Corona-Maßnahmen jede Versammlung verhindern.

Wenn ich nicht per Zufall zu Fridays For Future gekommen wäre, hätte ich vielleicht noch immer kein Bewusstsein für die Dringlichkeit der Klimakrise. Dann würde ich jetzt vor den Uni-Deadlines meine Seminararbeiten schreiben, statt im Regen beim weltweiten Klimastreik laut zu sein. Die Klimakrise ist vor allem eine Krise der Demokratie, denn die Mehrheit unserer Gesellschaft hat verlernt, sich für Menschenrechte einzusetzen. Aber soll ich meinen Kindern später sagen: „Sorry, damals hat´s geregnet, und medial wurde es nicht so groß gemacht, und außerdem Corona“?

Die Klimakrise war 2020 weder in Quarantäne, noch im Homeoffice. Die globalen Emissionen steigen weiter. Politischer Protest ist notwendiger denn je. Wir tun alles, um trotz schwieriger Bedingungen corona-konform für Klimagerechtigkeit zu streiken. Ganz nach dem Motto: Mund-Nasen-Klimaschutz nicht vergessen. Schließlich sind wir die letzte Generation, die eine Klimakatastrophe verhindern kann. Und auch die erste, die eine bessere Welt erleben wird.