Wer grünen Strom selbst produziert, kann diesen über Energiegemeinschaften mit anderen teilen. Das tun die Barmherzigen Schwestern von Zams. Wie genau funktioniert das und wie sieht die Zukunft davon aus?
Ein Beitrag von Christian Siess und Sarah Schlaier
Die Sonne scheint gerade so über den Zamser Gipfelkamm. Und damit auf die vielen Photovoltaikanlagen der Barmherzigen Schwestern von Zams. Sie zieren die Dächer des Mutterhauses, von vermieteten Wohnhäusern, der dazugehörigen FH für Gesundheits- und Krankenpflege und umliegenden Gebäuden. DI Daniel Markl überprüft gerade, ob alles richtig läuft. „Der Morgen ist immer die beste Zeit für die Stromerzeugung“, sagt Markl, „wenn die Module noch kühl von der Nacht sind, arbeiten sie besonders effizient.“
Markl ist auch dafür zuständig, Dachflächen auszumachen, an denen neue Photovoltaikanlagen angebracht werden können. Das ist nicht immer einfach, die meisten Gebäude stehen unter Denkmalschutz, was ein ständiges Abstimmen mit dem Denkmalamt bedeutet. Dennoch nimmt die Anzahl der Paneele immer weiter zu. Und das nicht nur hier in Zams. Die Ordensgemeinschaft hat Standorte in ganz Österreich. Und überall werden die Photovoltaikanlagen aufgestockt. Besonders ist aber nicht unbedingt die Anzahl an Photovoltaikanlagen, sondern wie sie miteinander verknüpft sind.

Auch für Schwester (Sr.) Barbara Flad ist der große Stromverbrauch der Barmherzigen Schwestern ein Thema. Sie leitet die Ordensgemeinschaft und trägt ein langes Gewand und Kopftuch. Um ihren Hals hängt eine Kette mit einem schwer aussehenden Kreuz. Als Ordensgemeinschaft denke man immer über mehrere Generationen hinweg, erzählt sie. „Und da sind wir dann eben bei den Energiegemeinschaften gelandet“, sagt Flad. Damit solle der Energieverbrauch besser gemanagt werden.
Energiegemeinschaften? Ein sperriger Begriff, der sich recht einfach erklären lässt: Sie sind die logische Weiterentwicklung davon, dass über private PV-Anlagen immer mehr Strom selbst produziert und Überstrom in das öffentliche Netz eingespeist wird. Über Energiegemeinschaften kann man diesen Strom seit 2021 direkt mit Nachbarn, einer anderen Person im Ort oder im großen Stil über Bürgerenergiegemeinschaften (BEG) auch mit Personen quer verteilt in Österreich teilen. Letzteres macht die Ordensgemeinschaft. Alle ihre Standorte sind durch diese eine BEG miteinander verknüpft.
Grenzen der Netzstruktur
2026 soll die Ordensgemeinschaft voraussichtlich 32 Prozent ihres Stroms selbst produzieren. Das variiert von Standort zu Standort, doch genau da kommt der Gemeinschaft die BEG zugute: Wird an einem Ort zu viel Strom produziert, kann er einfach mit einem anderen Ort geteilt werden. Aber genau da stößt die Ordensgemeinschaft auch an ihre Grenzen.
Denn nicht immer sind die Netzanschlüsse gut genug ausgebaut, um den vielen Strom aufzunehmen und weiterleiten zu können. In Mils in Tirol, einem der Standorte der Ordensgemeinschaft, darf derzeit nichts von dem dort produzierten Strom ins Netz und damit in die BEG einspeisen. Laut dem dortigen Netzbetreiber, der Hall AG, sei mehr technisch nicht möglich, da sonst das Netz überlastet sei.
Dafür habe DI Andreas Falch, der die BEG für die Ordensgemeinschaft errichtet hat, auch Verständnis. Er sagt aber auch, dass sie einen Anspruch darauf haben, das Netz zu nützen. Immerhin zahle man auch ordentliche Netzgebühren. „Das ist so, wie wenn ich bei der ASFINAG zwar die Vignette kaufe, die mir aber dann sagen, die Autobahn darf ich jetzt nicht verwenden, denn gerade fahren schon so viele LKWs aus Deutschland oder Italien.“
Geht das auch einfacher?
Was die Barmherzigen Schwestern aufgebaut haben, klingt nach einem Nischenmodell – eine Ordensgemeinschaft mit großen Dächern, langem Atem und ungewöhnlich viel Geduld für Bürokratie – die Ordensgemeinschaft fand sich damals gar in Zoomcalls mit dem Klimaministerium, um herauszufinden, wie eine BEG funktionieren kann.
Stephan Heidler, der Leiter der Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften, erklärt uns, dass es das aber gar nicht unbedingt braucht. Er erklärt, wie das Konzept der Energiegemeinschaften funktioniert, und wie auch Menschen teilnehmen können, die keine großen Gebäude mit Solarplatten besitzen.
Wer mitmachen will, braucht im Grunde nur einen Stromanschluss. Wer selbst eine Solaranlage hat, kann seinen Überschussstrom in eine Gemeinschaft einspeisen und mit anderen Mitgliedern der Gemeinschaft teilen.

Wer keinen eigenen Strom produzieren kann, kann ihn von der Gemeinschaft beziehen – den Preis macht man sich in der Gemeinschaft aus. Dabei haben alle Mitglieder das gleiche Stimmrecht. In den letzten drei Jahren lag dieser laut Heidler oft bei 10-12 Cent die KWh, während normale Stromanbieter zeitweise Preise über 20 Cent pro KWh aufriefen. Das macht auch unabhängiger von großen Energielieferanten und schützt vor hohen und schwankenden Preisen.
Klingt doch eigentlich gut. Aber wieso machen das dann nicht alle? Wer beispielsweise zur Miete wohnt, wenig Geld hat, oder sich schlicht noch nie mit Energieproduktion und -konsum auseinandergesetzt hat, tut sich schwer. Dabei sind es genau diejenigen, die am meisten davon profitieren würden.
Bewusstseinsbildung, Gemeinschaft und soziales Engagement
Stephan Heidler erzählt uns von Projekten, die einkommensschwache Haushalte miteinbinden, indem sie als Stromspender agieren und überschüssigen Strom umsonst oder für sehr wenig Geld weitergeben. So sammelt beispielsweise die “Energiegemeinschaft Österreich” überschüssige Energie von privaten Energieerzeuger*innen und spendet diese für 6 Cent die KWh an bedürftige Haushalte und karitative Einrichtungen. Langfristig sollen damit 200.000 armutsgefährdete Personen mit günstigem Strom versorgt werden.
Das Besondere an Energiegemeinschaften ist nicht nur der günstigere Strom. „In meinen Augen ist der größte Vorteil die Bewusstseinsbildung“, sagt Heidler. Wer Teil einer Gemeinschaft ist, beschäftigt sich zwangsläufig mehr mit dem eigenen Verbrauch und denkt über Speicher und Eigenversorgung nach.
Dabei lernt man auch, dass es eigentlich zwei Akteure gibt, die im Alltag oft verschwimmen: der Netzbetreiber, der dafür zuständig ist, dass der Strom auch bei uns zu Hause ankommt und der Energielieferant, der eben diesen Strom produziert. Wenn man den Strom allerdings selbst produziert, werden aus Kund*innen, die von der Versorgung vom Energielieferanten abhängen, eigenständige Akteur*innen.
Was sich ab Oktober ändert
Österreich ist hier tatsächlich ein Vorreiter im europäischen Vergleich und der Rahmen dafür wird ab Oktober 2026 noch besser. Mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) wird Stromteilen auch ohne eine langwierige Vereinsgründung möglich sein.
Die Abdeckung mit Energiegemeinschaften wird dabei mit Zählpunkten gemessen. Ein Zählpunkt meint jeden Punkt, an dem gemessen wird, wie viel Strom eingespeist und entnommen wird, grob also ein Haushalt oder Betrieb.
Um das überhaupt erfassen zu können, braucht es eine digitale Zählertechnik, die in Österreich längst flächendeckend ist, während Deutschland hier lediglich 5,5% erreicht. So weiß man auch, dass in Niederösterreich bereits jeder zehnte Zählpunkt Teil einer Energiegemeinschaft ist. Heidler meint, das sei auch in ganz Österreich möglich, auch ganz ohne Ordenstracht.
