Schienen statt Stau: Wie Green Mobility bei Großevents funktionieren kann

Schienen statt Stau: Wie Green Mobility bei Großevents funktionieren kann

Juliana Plank war im Sommer bei der Fußball-EM der Frauen in der Schweiz. Dabei hat sie erlebt, wie nachhaltiges Anreisen bei Großevents funktionieren kann. Gemeinsam mit Expertin Hannah Hofbauer blickt sie darauf, warum eine gemütliche Anfahrt nicht der einzige Vorteil dabei ist und welche Lehren sich für Österreich ziehen lassen.

5:00 Uhr früh am St. Pöltner Hauptbahnhof: Der Rucksack ist gepackt, das Trikot sitzt, die Vorfreude steigt. Das St. Gallener Fußballstadion und mich trennen nun nur noch sieben Stunden Zugfahrt. Dank der beeindruckenden Bergkulisse, die man auf dem Weg in die Schweiz vom Zugfenster aus bewundern konnte und der Vorfreude auf einen erlebnisreichen Nachmittag in der Fan-Zone verging die Zeit im Zug rasend schnell.  Nach einer letzten S-Bahn-Fahrt zum Stadion begann schließlich auch schon das torreiche Fußballspektakel. Immer noch euphorisch (wenn auch etwas übermüdet von all den Eindrücken und Erlebnissen) ging es am nächsten Tag auf gleichem Wege wieder zurück – sieben Stunden, quer durch die Schweiz, Liechtenstein und Österreich. 

Jetzt könnte man berechtigterweise fragen: Vierzehn Stunden Zugfahrt für ein gerade mal 90 Minuten langes Erlebnis – lohnt sich das überhaupt? In meinem Fall muss ich diese Frage eindeutig mit „JA!“ beantworten. Denn gut organisierte, nachhaltige Mobilität bei Großveranstaltungen bringt neben einem verringerten ökologischen Fußabdruck noch weitere, teils unerwartete Vorteile mit sich.

Auch für die Veranstalter zeigte sich: Das Sport-Event des Sommers war ein großer Erfolg. Trotz anfänglicher Zweifel bezüglich der Finanzierung und ähnlicher Aspekte wurde ein Rekord nach dem nächsten gebrochen: 29 der 31 Spiele waren ausverkauft, über 400 Millionen Zuschauer*innen fieberten von daheim aus mit und mehr als 650.000 Fans füllten die Stadien. Als rekordverdächtig könnte man auch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel innerhalb der Schweiz im Rahmen der EM beschreiben. Durchschnittlich gelangten 66 Prozent der Zuschauer*innen – davon 35 Prozent Nicht-Schweizer*innen – in klimafreundlichen Verkehrsmitteln, wie Zügen, Bussen und Straßenbahnen zu den Spielen. Weitere 20 Prozent waren zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.

Die UEFA setzte sich explizit das Ziel, die während des Turniers verursachte Umweltbelastung durch nachhaltige Mobilitätsangebote zu verringern – mit Erfolg. Dafür brauchte es jedoch die passende Infrastruktur, viel Planung und funktionierende Zusammenarbeit – Faktoren, die selten gegeben sind. Auch der Wille seitens der Veranstalter ist ausschlaggebend für die Umsetzung.

In diesem Fall kooperierte die UEFA mit der Schweizer Bahn (SBB), lokalen Verkehrsverbünden, den Gastgeberstädten und dem Bundesamt für Verkehr. Die Zusammenarbeit zeigte, dass gute Organisation und sinnvolle Anreize nachhaltige Mobilität im Kontext von Großevents zu einem Genuss anstatt zu einem Hindernis machen. So hatten Zuschauer*innen am Tag des Spiels die Möglichkeit, kostenlos den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen, oder sich gemeinsamen Radtouren oder den Fan-Walks zum Stadion anzuschließen. 

Vom EM-Erfolg zur heimischen Herausforderung

Wie sieht die Situation hierzulande aus, wenn es um nachhaltige Mobilität bei Großveranstaltungen geht – und welche Lehren könnte man aus der Frauen-EM ziehen? Hannah Hofbauer, Expertin bei der pulswerk GmbH, dem Beratungsunternehmen des Österreichischen Ökologie Instituts, erklärt: „Die Mobilität ist typischerweise der bei weitem größte Verursacher direkter Treibhausgasemissionen von Veranstaltungen – das ist nicht allen Veranstalter*innen bewusst.“ Es sind nicht nur die vielen Zuschauer*innen, die Spuren hinterlassen, sondern auch die Anreisen von Teams, Künstler*innen oder Sportler*innen, der Transport von technischem Equipment sowie zahlreiche weitere logistische Faktoren. Wer Großveranstaltungen nachhaltiger gestalten will, sollte deshalb gezielt auf klimafreundliche Mobilität setzen – sei es durch die Wahl eines gut angebundenen Austragungsortes, passende Kooperationen mit Öffi-Anbietern oder eine klare Kommunikation der gesetzten Nachhaltigkeitsmaßnahmen gegenüber den Besucher*innen.

Wie eindrucksvoll das gelingen kann, zeigte sich bei meinem Besuch in der Schweiz: Vor und nach dem Match konnte man sehen (und spüren – so eng war es in den Zügen), dass das Angebot an Green-Mobility-Optionen auch Nachfrage mit sich zieht. Egal in welche Richtung – St. Gallen, Bern, Zürich – die Lokalbahnen und Linienbusse waren zum Bersten gefüllt. Von den üblichen Pöbeleien und Alkoholexzessen war keine Spur, stattdessen wurde die Zugfahrt von den Fans der walisischen Frauennationalmannschaft sowie den einheimischen Zuschauer*innen glatt zur Party des Jahres umfunktioniert. Hinzu kommt, dass in der Schweiz die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ohnehin schon sehr etabliert ist. Öffentlicher Verkehr machte im Jahr 2023 rund 25,2 Prozent der Verkehrsleistung aus, Fuß- und Radverkehr ausgenommen. Im Vergleich dazu waren es im EU-weiten Durchschnitt nur 18 Prozent. Österreich schnitt hingegen mit 27,8 Prozent besonders gut ab.

Spannend wird, ob und wie sich diese Öffi-Affinität der Östereicher*innen sowie die positiven Erfahrungen beispielsweise in der Schweiz auf Veranstaltungen in Österreich übertragen lassen. Mit dem ESC 2026 in Wien steht schließlich auch Österreich bald vor der Herausforderung, nachhaltige Mobilität zum festen Bestandteil eines Großevents zu machen. Hofbauer sieht dabei sowohl Chancen als auch Risiken: Bei internationalen Events wie dem ESC oder der EM seien relativ viele mit dem Flugzeug und dem Auto zurückgelegte Kilometer und Transportfahrten zu erwarten. Veranstalter*innen könnten nur innerhalb ihres Spielraums Maßnahmen setzen, etwa durch die interne Logistik oder Kooperationen mit Verkehrsbetrieben, wie den Wiener Linien. 

In Österreich gebe es in der Zusammenarbeit zwischen Veranstalter*innen und Öffi-Anbietern aber noch Nachholbedarf. Erklärt allerdings die Leitungsebene der Veranstaltung nachhaltige Mobilität zur Priorität, lassen sich laut Hofbauer wirksame Verbesserungen und eine Verringerung der Umweltbelastung erzielen.

Das Beispiel der Frauenfußball-EM hat gezeigt, dass genau das gelingen kann und wie sehr es das Erlebnis für Fans bereichert. Dank vieler nachhaltiger Mobilitätsoptionen lohnte sich die lange Hin- und Rückreise in die Schweiz nicht nur, sondern sie wurde zu einem wertvollen Teil des Gesamterlebnisses. Denn während die walisischen Fans feierten und den Zug mit guter Laune füllten, hatte man das schöne Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein – einer EM, die mit jedem Spiel neue Rekorde gebrochen und gleichzeitig eine Blaupause geliefert hat, wie nachhaltige Mobilität bei Großveranstaltungen in Zukunft – auch in Österreich – aussehen könnte.

Fotos: Juliana Plank