Vom Verlust der Vielfalt: die Problematik des Artensterbens

Am 3. März ist Welt-Artenschutztag, am 22. Mai der Tag der Artenvielfalt – 2 Tage Relevanz für eine Thematik, die ganzjährig Leben bedroht. Nicht nur Österreich hat mit dem Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten zu kämpfen. Weltweit bedingen etwa Klimawandel und steigende Schadstoffbelastung ein rasches Sinken der Biodiversität. Doch wie steht es tatsächlich um die heimische Artenvielfalt?

Laut Angaben der International Union of Conservation of Nature (IUCN) sind global aktuell etwa 35 500, der 128 500 auf der roten Liste der IUCN erfassten Spezies, vom Aussterben bedroht – und die Liste wird länger. Der WWF weist auf eine andere Größenordnung des Artensterbens hin: weltweit seien eine Million Pflanzen- und Tierarten gefährdet.

Die aktuelle Lage in Österreich

Laut WWF sank die tierische Artenvielfalt in Österreich – einem im europäischen Vergleich besonders artenreichen Land – in den letzten 30 Jahren drastisch: Um ca. 70% habe die Zahl der einheimischen Arten abgenommen. Eine Pressemeldung der Organisation aus dem Jahr 2020 zeichnet ein ähnliches Bild: „Rund ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten Österreichs steht auf der Roten Liste bedrohter Arten“.

Global 2000 stellt zudem eine Korrelation des Artensterbens mit der zunehmenden Beanspruchung der österreichischen Bodenflächen her. Intensive Bodenversiegelung, -bewirtschaftung und -verdichtung zeigen negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt, begünstigen Naturkatastrophen und eine raschere Klimaerwärmung. Gleichzeitig wiederum: „Ein vielfältiges Bodenleben ist für die Bodenfruchtbarkeit von enormer Bedeutung und stellt die Grundlage für das Wachstum gesunder Pflanzen dar.”, erklärt Dr. Peter Schweiger, Biologe bei GLOBAL 2000, in einer Presseaussendung.

Auch die österreichische Regierung und Bevölkerung entwickelt zunehmend ein Bewusstsein für die Lage der heimischen Biodiversität und setzt Schritte in eine potentiell bessere Zukunft. Im Jänner 2021 trat nicht nur der österreichische Waldfonds in Kraft, auch das österreichische Tierschutzvolksbegehren erhielt breiten Zuspruch.

Der österreichische Waldfonds

Mit 1. Februar 2021 trat der österreichische Waldfonds in Kraft. Insgesamt 350 Millionen Euro sollen laut dem österreichischen Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT) in 10 Schritten zum Schutz der heimischen Wälder beitragen. Die Mittel stehen damit österreichischen Waldbauern und -bäuerinnen für die Beantragung von finanziellen Hilfsleistungen zur Verfügung.

Zielsetzungen umfassen etwa die Wiederaufforstung, die Errichtung klimafitter Wälder, die Waldbrandprävention und den Erhalt und die Förderung von Biodiversität in heimischen Wäldern. Greenpeace verweist, in Bezug auf das heimische  Artensterben, in einer Pressemeldung dennoch auf eine zentrale Notwendigkeit für den Einsatz der Mittel aus dem Waldfonds: „Ein Großteil dieser Förderungen müsse nun auch in gefährdete Tier- und Pflanzenarten in Österreich investiert werden“.

Das österreichische Tierschutzvolksbegehren

Das österreichische Tierschutzvolksbegehren zeigte in den letzten Wochen mit Erfolg das steigende gesellschaftliche Bewusstsein für nachhaltige Landwirtschaft und Tierwohl auf. 416 229 Unterschriften konnte die Initiative generieren – nur 100 000 Unterschriften wären für eine Auseinandersetzung des Nationalrats mit dem Volksbegehren notwendig gewesen. Damit landet das Tierschutzvolksbegehren, in Bezug auf die Bevölkerungsbeteiligung, insgesamt auf Platz 19 aller österreichischen Volksbegehren.

Allgemeine Forderungen betreffen eine gesteigerte Transparenz für Konsument*innen, öffentliche Mittel für die Förderung des Tierwohls und eine tiergerechte und zukunftsfähige Landwirtschaft. Auch der Forderungskatalog des Volksbegehrens stellt die österreichische Initiative, in Bezug auf die Artenvielfalt, in einen globalen Zusammenhang: „Die artgemäße Fütterung mit gentechnikfreien und ökologisch nachhaltig produzierten Futtermitteln regionaler Herkunft nützt Mensch, Tier & Umwelt. Die Regenwald-Zerstörung für den Anbau von Gentech-Soja hat nicht nur enorme Auswirkungen auf das Klima, sie vernichtet auch den Lebensraum vieler Tiere.“

Ursachen für das Artensterben

Die Ursachen für die zunehmende Bedrohung der Artenvielfalt sind vielseitig. Von der übergreifenden Thematik der Klimakrise und der globalen Erwärmung, bis zu steigender Schadstoffbelastung und intensiver (tierischer) landwirtschaftlicher Nutzung von Naturflächen spielen verschiedene Faktoren zusammen.

Laut dem deutschen Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) seien in Deutschland heimische Arten insbesondere durch Übernutzung natürlicher Ressourcen, wie Weideflächen oder durch extensiven Fischfang, bedroht. Auch Rodungen und Lebensraumzerstörung, im Interesse von Bauvorhaben oder Landwirtschaft, hätten starken Einfluss auf die deutsche Biodiversität. Einen Eingriff in das Ökosystem stelle letztlich auch die Verschmutzung der Umwelt mit chemischen Rückständen, etwa aus Produktion und Landwirtschaft, dar.

Der Einfluss des Artensterbens auf den Menschen 

Gerade deshalb ist es wichtig zu betonen, dass das Leben des Menschen unmittelbar mit dem Fortbestehen der Artenvielfalt verknüpft ist. So steht das anthropogene Sinken der Biodiversität einem notwendigen Schutz der Arten durch den Menschen gegenüber. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahr 2020, über die Ziele für nachhaltige Entwicklung, bedrohe etwa exzessive Bodennutzung aktuell nicht nur die Lebensgrundlage von 3,2 Milliarden Menschen, sondern auch das Klima und die Artenvielfalt.

Die unmittelbare Bedrohung, die das Artensterben für den Menschen darstellt, lässt sich insbesondere am Beispiel des Insektensterbens veranschaulichen. Eine österreichische Bestandsaufnahme der Lebenssituation pflanzenbestäubender Insekten zeigt ein deutliches Bild. Laut Global 2000 sei von 1995 bis 2015 die Anzahl der Honig-produzierenden Bienenvölker um 25% gesunken – von 700 heimischen Wildbienenarten seien sogar die Hälfte bedroht. Der Mensch greift durch intensive Landwirtschaft und die Verwendung von Pestiziden in ihren Lebensraum ein. Dies wirkt sich wiederum unmittelbar auf die zu Verfügung stehende Fülle der Nahrungsmittel für den Menschen aus – denn eine Vielzahl von Obst- und Gemüsepflanzen benötigen die Bestäubung durch die bedrohten Insekten.

Auch die menschliche Gesundheit – aktuell deutlicher denn je – steht in Zusammenhang mit dem Vordringen des Menschen in vornehmlich unberührte und empfindliche Lebensräume und Ökosysteme. Dem von der UN vorgelegten Bericht über nachhaltige Entwicklung zufolge, hätten 75% der neueren Infektionskrankheiten, wie etwa in jüngerer Vergangenheit die Vogelgrippe, durch die Übertragung von Wildtieren auf den Menschen den Ausgang ihrer Verbreitung genommen. Ursache sei etwa der illegale Tierhandel und das Eindringen in ihre Lebensräume. Ein Eindringen, das sich wiederum auch auf die biologische Vielfalt auswirkt.

Artenschutz wird damit zum Handeln in eigenem Interesse – zum Schutz der eigenen Art.

Lichtblicke für die österreichische Artenvielfalt 

Neben Initiativen wie dem Waldfonds und dem Tierschutzvolksbegehren werden in Österreich noch weitere Schritte in eine potentiell artenreichere Zukunft gegangen. Anfang Februar 2021 startete etwa eine, auf eine Periode von fünf Jahren ausgelegte, Kooperation zwischen dem Umweltdachverband und den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf). Diese soll als “Think Tank” Maßnahmen zum Schutz der österreichischen Wälder und deren Artenreichtum hervorbringen.

2021 brachte auch für die österreichische Insektenvielfalt einzelne erfreuliche Nachrichten. Im Zuge des “Insektenmonitorings” der Initiative “Blühendes Österreich” konnten, neben insgesamt 355 Arten der nützlichen Lebewesen, unter anderem auch stark bedrohte Arten nachgewiesen werden. Zu diesen zählen 35, als bedroht eingestufte, Spinnenarten in den untersuchten Gebieten in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark.

Eine aktuelle Prognose für die österreichische und globale Artenvielfalt, fällt mit Blick auf die Zahlen negativ aus. Dennoch tragen einzelne erfolgversprechende Initiativen zu einem zukünftig möglicherweise positiveren Bild bei. Neben wachsendem Umdenken und einem gesteigerten Bewusstsein für die prekäre Lage der globalen Biodiversität, wird weiter der Grund-Gedanke stehen: Das Wohl des Menschen besteht langfristig nur in Kombination mit dem Wohl aller Arten.