Zukunftsvisionen: klimagerechte Schule

Gastbeitrag von Clara Porak

41 Prozent der Eltern würden ihre Kinder lieber erst ab September in die Schule schicken, das ergab eine durch Unique Research für das „profil“ durchgeführte Umfrage im April. Das mag liegen, woran es liegt. Fest steht: Schule ist irgendwie nicht Priorität. Sie ist niemandem so wirklich wichtig und trotzdem für jeden Thema. Sie ist ein Ort, der jeden auf seine Weise geprägt und meistens zumindest teilweise traumatisiert hat. 

Die stufenweise Öffnung im Mai hält eng am Schulsystem fest. Sie ist frei von jeder Überlegung, was Schule ist und sein könnte. Sie dividiert das System in kleine Teile, sonst nichts. Dabei wäre gerade jetzt ein guter Moment, über Schule nachzudenken. Nicht nur wegen Corona. Vor allem wegen der Klimakrise. 

Wir müssen uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten neu erfinden. Wenn wir das Pariser Klimaziel nicht einhalten, könnten sich weite Teile Europas in Wüste verwandeln, so der Verfasser des Klimastatusberichts 2019. Es ist eine unvorstellbare Zukunft. In unseren Zeiten sind nur noch Utopien realistisch. Schule ist einer der Orte, die Gesellschaft macht.  Sie ist eigentlich kein Ort, um gesellschaftliche Probleme wie soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Armut, Hass zu lösen. Aber sie kann Teil einer Lösung sein. Für die Lösung der Klimakrise brauchen wir sie. Wenn man eine klimagerechte Gesellschaft schaffen will, muss man eine klimagerechte Schule mitdenken. 

Für mich gibt es dabei zwei Ebenen, die erste ist die, die zumindest jenen, die sich schon mit der Klimakrise auseinandergesetzt haben, sehr leicht fällt. Sie spiegelt sich zum Beispiel in den Forderungen von Teachers for Future wieder. Bis 2024 fordern sie einerseits eine Ökologisierung des Schulalltags, also Umstellungen der Organisation von Schulen im Hinblick auf die Klimakrise: Veganes Essen in der Cafeteria, Schulreisen im Zug, Müllvermeidung und -trennung und die Unabhängigkeit von fossiler Energie. Andererseits ist das Ziel klimagerechte Bildung. Auch schon in der Pflichtschulzeit sollen Kinder lernen, was die Klimakrise ist. Dabei sollen beispielsweise ethische Aspekte miteinbezogen werden und auch politische Teilhabe erklärt und Lösungen kommuniziert werden.

Dass diese Forderungen sich umsetzen lassen, ist leider unwahrscheinlich, solche Veränderungen sind aber auch sehr leicht vorstellbar. 

Für mich ist klimagerechte Schule mutiger. Klimagerechte Schule bedeutet natürlich ökologische Aspekte in den Unterricht und Schulalltag zu integrieren. Ein Gemüsegarten am Schuldach, echte Klimabildung und neuer Respekt im Umgang mit Tieren und Pflanzen. Schafe und Gemüsegärten in jedem Schulhof. Jedes Kind hat das Recht auf einen Baum in seiner Pause. Jedes Kind sollte barfuß durch Moos gehen dürfen und kennenlernen, wie es ist, Gemüse zu pflanzen und zu sehen, wie es wächst. Jedes Kind sollte schon mal ein Schaf, eine Kuh gestreichelt haben. 

Das ist wichtig. Aber es nur der Anfang. Klimagerechte Schule ist kein Ort, der von Leistungsdruck dominiert ist, Standardisierung und Selektionsmechanismen verwendet. Klimagerechte Schule ist ein Projekt der Inklusion, des Feminismus, der Demokratie. Wie könnte eine solche Schule aussehen? 

Eine solche Schule zwingt uns nicht mehr, auf die Dinge zu verzichten, auf die wir aktuell zu verzichten gelernt haben. Zum Beispiel auf Vielfalt. Inklusion ist dabei ein wichtiges Konzept. Sie meint, dass jeder so sein darf, wie er oder sie ist. Das Problem ist in dieser Denkweise immer das System und niemals der Mensch. Was heißt das? Wenn ein Kind Fünfer schreibt, ist das Kind nicht dumm oder faul, die Fünfer sind ein Problem. Das ist ein radikaler Gedanke. Er fordert eine grundlegende Umstrukturierung des Systems, eine Schule gebaut, um auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Eine Schule für jeden. In der Menschen mit Behinderungen, aus Familien, in denen es keine Bücher gibt, in denen die Eltern nicht mit dem Kind Hausaufgaben machen, Platz haben. In denen solche Kinder nicht das „Problem“ sind, sondern Teil einer Vielfalt, die einfach vorhanden ist. 

Es geht bei Inklusion aber eben nicht darum, dass man plötzlich Unterricht machen muss, bei dem auch zwei oder drei Kinder, die andere Bedürfnisse oder Lerngeschwindigkeiten haben mitmachen, sondern es geht darum, zu begreifen, dass man nicht zwei sondern 28 Kinder mit verschiedenen Bedürfnissen unterrichtet. Inklusion bedeutet eine Schule, in der niemand nicht mitkommt oder sich langweilt. Diese Idee schürt Ängste, die tief sitzen: Was wird nur, wenn wir Kinder nicht mehr vermessen und zurecht stutzen? Die klimagerechte Schule muss sich dieser Angst entgegensetzen und sagen: Kinder sind Menschen und Menschen wollen lernen und auf gute Weise in der Welt sein. Sie brauchen keinen Drill und keine Angst.

Eine klimagerechte Schule wagt sich ins Offene und sie vertraut auf die Menschen. Damit stellt sie ein weiteres, großes Ordnungsprinzip der gegenwärtigen Schule in Frage: Die Anpassung an die Arbeitswelt. Schule wird als Projekt gesehen, die Kinder und Jugendlichen auf das „echte Leben“ vorzubereiten. Das bedeutet vor allem: den Arbeitsmarkt. 

Klimagerechtigkeit bedeutet aber auch bedingungslose Gleichstellung von Mann und Frau. Schule müsste sich im Einklang mit dieser Idee anders gestalten. Sie dürfte nicht mehr so stark auf das marktwirtschaftliche System hinarbeiten, denn um die Gleichstellung von Mann und Frau zu gewährleisten, brauchen wir ein andere Arbeitswelt. Warum um acht beginnen, warum sechs Stunden stillsitzen? Warum lernen, dass Emotionen nicht gern gesehen sind und fehlerlose Leistung das Ziel ist? Warum Selektion und Druck? 

In dieser Hinsicht ist eine klimagerechte Schule ein Projekt der Demokratisierung. Demokratie, wie ich sie hier verstehe, meint dabei die Ausweitung von Grundrechten. Sie sollte ein Projekt der Freiheit sein, so die Politikwissenschaftler Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Die beiden entwerfen die sogenannte radikale Demokratietheorie, die Theorie als politisches Projekt der Ausweitung und Vertiefung der demokratischen Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Volkssouveränität meint. Eine Schule, die sich der Klimagerechtigkeit verschreibt, verschreibt sich einer radikalen Demokratisierung, die über Landesgrenzen hinweg denkt, die einer globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts gewachsen ist. Ich finde, es wird Zeit dafür.