„Alle sollten gehört werden“ – Was Geschlechterrollen mit Klimawandel zu tun haben

Auch das ist auf der COY13 ,einer internationalen Konferenz für junge Klimainteressierte, Thema: die Verbindung von Geschlechterrollen und Klimawandel. Wie wichtig dieser Zusammenhang ist, wird im Gespräch mit TeilnehmerInnen aus aller Welt deutlich.

In der Aula tummeln sich Menschen aus allen Erdteilen, bunte Plakate, die Projekte erklären und Demos bewerben, hängen an den Wänden. Jemand verteilt gratis Schokolade. Es ist ein Gewirr von unterschiedlichen Sprachen und Eindrücken. Neben Kunstinstallationen stehen KlimaktivistInnen, neben Infoständen sammeln sich Jugenddelegierte.

Inmitten dieser Szenerie spricht Lisa aus Haiti über den Klimawandel und dessen konkrete Auswirkungen auf ihre Heimat. „Bei uns bedeuten viele Naturkatastrophen eine Bedrohung der Nahrungsmittelversorgung. Wenn diese noch häufiger vorkommen, geht den Menschen die Lebensgrundlage verloren. Frauen und Mädchen sind davon besonders betroffen“, erzählt Lisa in lebhaftem Französisch und wirft ihre Locken zurück: “In vielen Familien ist es üblich, dass zuerst die Männer zu essen bekommen. Wenn es also zu wenig gibt, leiden zuerst die Frauen. Das wollen wir verändern.” Die junge Frau ist auf die COY gekommen, um Ideen für ihr Projekt „Stand with Girls“ zu sammeln.

Die junge Frau ist eine von 13 000 Interessierten, die sich an diesem Wochenende in Bonn auf der COY13 getroffen haben. In Workshops werden die verschiedensten klimarelevanten Themen behandelt. Unter anderem geht es auch um Klimagerechtigkeit und wie diese mit der Gleichberechtigung von Frauen zusammenhängt.

Die Frage nach diesem Zusammenhang hört Lisa Göldner besonders oft. Sie ist Forscherin für die Organisation gendercc, ein globales Netzwerk von Organisationen, ExpertInnen und AktivistInnen, das sich für Geschlechtergleichberechtigung einsetzt. In ihrem Workshop “What´s gender got to do with it?: A feminist perspective on climate change” spricht Göldner über die soziale Dimension des Klimawandels. Dass nicht jeder Mensch auf die gleiche Weise zum Klimawandel beiträgt oder von ihm betroffen ist, ist eine Erkenntnis ihrer Forschung. Auch Indikatoren wie der ökologische Fußabdruck sind durch soziale Faktoren wie Geschlechterrollen geprägt. So haben Frauen einen geringeren Fleischkonsum und neigen eher dazu, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Außerdem seien die Geschlechter unterschiedlich vom Klimawandel und dessen Folgen betroffen. Göldner erzählt zum Beispiel, dass 80 % der 230.000 Todesopfer des Tsunamis in Südostasien im Dezember 2004 Frauen waren. Das liege zum Beispiel daran, dass viele Frauen nicht schwimmen lernen, weil es als unschicklich gilt. Hinzu kommt noch, dass Frauen seltener Handys besitzen als Männer und so oft nicht mit dem Tsunami-Warnsystem verbunden waren. Bei Überflutungen in Europa und den USA sind hingegen 76 % der Opfer männlich. Das liege vor allem daran, dass viele Männer in Rettungsaktionen beteiligt sind. Man solle also nicht pauschal beurteilen, welches Geschlecht eher Opfer von Naturkatastrophen wird, sondern immer den Kontext mitdenken.

Göldner ist es auch wichtig, die Unterscheidung zwischen sex und gender zu kennen um die Verbindung von Klimawandel und Gender zu verstehen. Das englische Wort sex meint hier das biologische Geschlecht, während gender auf die Geschlechterrolle referiert. Zudem müssen wir uns im Klaren sein, dass Geschlechterrollen soziale Konstrukte sind, die wir verändern können.

Dazu machen sich auch viele TeilnehmerInnen der COY13 Gedanken: “Besonders nach meinem Besuch auf Fidschi wurde mir klar, wie sehr Frauen von traditionellen Rollenbildern eingeschränkt werden “, meint Shirin, 22, aus Deutschland.

Ein anderer Grund, warum Gender-Fragen in den klimapolitischen Diskurs eingebunden werden sollten ist, dass Männer und Frauen unterschiedliche Einstellungen zu diesem Problem haben, so Göldner. So sind Frauen in Deutschland besorgter um den Klimawandel als Männer. Auch auf der COY haben TeilnehmerInnen Erfahrungen gemacht, die diese Erkenntnisse bestätigen. So erzählt der 32-jährige Mao, der in Bali an der greenschool beschäftigt ist, dass sich dort vor allem Mädchen für Klimaschutzprojekte engagieren.

Dass Frauen ein wichtigerer Teil des klimapolitischen Diskurses werden sollten, ist eine Forderung der 17-jährigen Kehkashan aus Kanada. Sie meint: “Auch in der Klimapolitik sollte jeder Mensch gehört werden.”

Dafür tritt auch Lisa ein, die in Haiti von Naturkatastrophen besonders betroffen ist: “Wir versuchen vor allem, die Gesellschaft für den Klimawandel und seine Folgen zu sensibilisieren”, meint die junge Aktivistin. Außerdem glaube sie, dass Haiti nur angemessen auf die Herausforderungen, die in Zukunft mit dem Klimawandel einhergehen werden, reagieren könne, wenn Frauen endlich mehr Rechte bekommen.

“Ich wünsch dir viel Glück,”, ruft sie noch, dann verschwindet sie wieder im Menschenmeer auf der COY13, irgendwo zwischen gratis-Schokolade und einem spontanen Ukulele-Konzert.

Links:
COY13:      https://www.coy13.org/

Gendercc: http://www.gendercc.net/home.html