Der Nachtzug in die Vergangenheit

Mit einer halben Stunde Verspätung und der Hoffnung, dass wir im richtigen Nachtzug sitzen, starteten wir zu dritt unsere Reise nach Rumänien. Uns standen 14 Stunden in einem Schlafwagen für 2 Personen bevor, in einer Klapperkiste der rumänischen Bahngesellschaft. Der Zug hätte genauso gut zurück ins Zeitalter der Industrialisierung fahren können, dem Baustil nach zu urteilen. Doch das störte mich nicht im Geringsten, denn die Alternative (ein 3-stündiger Flug) wäre für mich schlimmer. Nicht nur, dass ich eigentlich unter schlimmer Flugangst leide und gerne am Boden bleibe, nein, sondern auch die 828 kg CO2 Emissionen, die wir dadurch sparen konnten, waren die lange Anreisezeit und das kleine Abenteuer wert.

Trotzdem, zwei junge Mädchen und ein Junge alleine auf der Reise in ein unbekanntes Land und wenn man jetzt an Rumänien denkt, vielleicht auch nicht so das Sicherste,  das löste vor allem bei meinen Eltern ein ungutes Gefühl aus. Schon bevor die Fahrt losging, bläuten sie mir ein, dass wir „höllisch auf unser Zeug aufpassen müssen, weil in der Nacht wenn wir schlafen, die Abteile ausgeraubt werden“. Es ging sogar so weit, dass sie uns erklärten, dass die Schaffner mit den Räubern unter einer Decke stecken und gezielt die Abteile aufsperren. Aus diesem Grund packte ich sofort nach dem Betreten des Abteils meine Wertsachen in ein Täschchen, welches ich dann beim Schlafen unter mein T-Shirt steckte. Aber mit einem Laptop schläft sich’s leider nicht so bequem, also kam er zusammen mit meinem Pass und E-Reader in die Kopfpolsterhülle. An der Tür zum Abteil hingen drei sehr verdächtige Schlösser, was einerseits dazu beitrug, dass wir uns sicherer fühlten, aber andererseits auch hinterfragten warum die denn überhaupt notwendig sind. Also sperrten wir ab und plauderten gelassen und voller Vorfreude drauf los. Doch etwas unwohl war uns schon beim Gedanken an Schlaf, aber irgendwann überrannte er uns dann doch. Wirre Träume von Eisenbahndieben und Zugmonstern ließen die Zeit schnell vergehen und so dauerte es gar nicht lange bis wir am Bahnhof in Sighișoara/Schäßburg ankamen. Das allein stellte sich nämlich schon als gar nicht so leicht heraus, denn in Rumänien gibt es keine Beschriftungen auf den Bahnhöfen.  Durch Google-Maps und den Schaffner wurde dieses Problem allerdings schnell gelöst. Trotz aller Bedenken war die Zugreise herrlich. Die Landschaft zu beobachten, nett zu plaudern und sich in ein Abenteuer zu stürzen war genau meins. Einer meiner schönsten Momente dieser Zugfahrt, war definitiv die vorbeiziehende Natur zu beobachten, zu sehen wie sich die Umgebung verändert und in der Früh von der Morgensonne geweckt zu werden.

Von dort aus ging unsere Reise dann ins kleine Örtchen Deutsch/Weißkirch (Viscri) weiter. Da der Rest der Reisegruppe mit der wir fortan unterwegs waren erst in drei Stunden ankommen sollte, beschlossen wir essen zu gehen. Es stellte sich heraus, dass es in dem gesamten Dorf weder einen Supermarkt, noch etwas, was man unserer Definition nach „Café“ nennen kann, gibt. Doch anstatt zu verhungern, fanden wir einen Hof, der auch für Touristen mitkochte. Es gab ein luxuriöses Drei-Gänge-Menü. Bauernbrot mit Sauerrahm,  Hühnersuppe und Reisfleisch für umgerechnet 10 Euro. Alles was in diesem Gericht drin war, wuchs hier oder lief hier herum. Das fiel mir aber nicht nur beim Essen auf. Alle möglichen Möbel, Arbeitsgeräte oder Alltagsdinge werden selbst hergestellt, aus den Dingen die die Natur hergibt.

Sie sind also komplett unabhängig von der Außenwelt. Naja quasi. Nur der Strom muss geliefert werden und die Wasserflaschen aus Glas müssen mit Trinkwasser befüllt werden, doch selbst die werden immer wiederverwendet. Beeindruckend war auch unser Ausflug zur Ziegelfabrik. Ein Mann, der für das ganze Umfeld Lehmziegeln per Hand schöpft. Er erklärte uns geduldig auf Ungarisch und Deutsch wie man sie herstellt und wohin er sie liefert. Von Mobilität kann man hier ebenfalls nicht wirklich sprechen, wenn die paar Pferdekutschen an einem vorbei trotten. Die paar Autos, die hier auf der Hauptstraße mitten durch das Dorf fahren, gehören meistens den Touristen. Und davon gibt es seit Prinz Charles viele. Warum? Bei seinem königlichen Besuch in Rumänien sprach der Bauer, bei dem auch wir übernachteten, den Prinz an und fragte ihn, ob er nicht nach Deutsch-Weißkirch/Viscri kommen möchte. Der prominente Gast sehnte sich nach einem ruhigen Örtchen und besuchte sie dann tatsächlich im Dorf, welches zu einem seiner Lieblingsorte in Rumänien wurde. Er investierte viel Geld und half damit der Bevölkerung und der dortigen Kirchburg, die mittlerweile zum Weltkulturerbe geworden ist. Genau diese Ereignisse sorgten dafür, dass der Tourismus dort boomt und bis heute nicht abebbt.

Jeden Tag pünktlich um 7 Uhr morgens und 21:30 Uhr Abends gab es eine Invasion an Tieren. Hunderte Kühe und Ziegen belagerten die Hauptstraße bei ihrem täglichen Marsch aufs Feld. Das war echt cool mit anzusehen, denn jedes Tier wusste genau in welchen Hof es gehen musste.

Mir war von vornherein klar, dass ich dort keine wirklichen Ansprüche an das Essen haben kann, denn es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und das ist hauptsächlich eigenes Fleisch und Gemüse. Für jemanden, der hauptsächlich aus Nachhaltigkeitsgründen vegetarisch isst, führt das natürlich zu einem inneren Konflikt. Ist es ökologisch vertretbar, dieses Fleisch zu essen? Andererseits hatte ich auch nicht wirklich eine Wahl. Doch dann habe ich mir gedacht, wo ist Fleischessen nachhaltiger als hier in diesem Dorf. Die Tiere leben ihr Leben lang am Bauernhof, werden mit dem gefüttert, was auf der Wiese wächst oder beim Essen übrig bleibt, es werden keine Emissionen für Transport ausgestoßen und die Tiere haben die ganze Umgebung als Auslauf. Auch wenn sich die Leute hier kein Bio-Zertifikat leisten können ist die Qualität nicht schlecht. Und trotzdem. Das Schaf, welches in der Früh noch im Hof stand hat man am Abend dann im Eintopf, als Stadtkind doch ein anderer Zugang zu Fleisch. Diese Kreislaufwirtschaft funktioniert in der Praxis zwar gut, aber nur für dieses kleine Dorf. Es ist aber ein großartiges Beispiel dafür, dass im kleinen Rahmen eine lokale nachhaltige Wirtschaftsform umsetzbar ist. In größeren Städten wäre diese Umsetzung nicht möglich.  Ein jedoch definitiv ausbaufähiger Punkt ist, dass sie immer noch mit Kohle im Kamin heizen und der rumänische Strommix besteht nur aus ca. 24% aus erneuerbaren Energien.

Trotz allem wurde diese Reise relativ nachhaltig und schön. Ein kleiner Sprung in die Vergangenheit, in einen Ort an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Doch genau das hat den Urlaub auch so schön gemacht. Kein Internet, keine Verpflichtungen, nur dieser recht einfache Lebensstil, welcher etwas zutiefst entspannendes an sich hat. Das Leben dort ist viel langsamer und das Motto „zurück zum Ursprung“ trifft unseren Urlaub glaub ich ganz gut!