Interview: „In der heutigen Debatte wird vieles in einen Topf geworfen“

Sebastian Müller ist Wissenschaftler am International Centre for Theoretical Physics in Triest, Italien. In der Abteilung Earth System Physics betreibt er Klimaforschung anhand von regionalen Klimamodellen. Gemeinsam mit anderen WissenschaftlerInnen arbeitet er daran, Klimaindizes zu berechnen, die die Veränderung vieler Komponenten des Klimas messen. Er arbeitet an hoch aufgelösten Simulationen und konzentriert sich speziell auf Niederschlagsereignisse. Ich habe mit ihm über Wetterextreme, KlimawandelleugnerInnen und häufige Irrtümer beim Klimathema gesprochen.

I: Wie würdest du einem 6-Jährigen den Klimawandel erklären?

S: Ich würde ihm sagen, dass wir in einer Atmosphäre leben und diese Atmosphäre ist die ganze Luft, die wir atmen. Und wenn wir die ganze Zeit Öl verheizen, Auto fahren und damit Rauch und Qualm produzieren, dann verändert sich die Luft und dann wird’s heißer auf der Erde.

I: Wie ist das mit Wetterextremen, die wir heutzutage sehen, zum Beispiel den Buschbränden in Australien, ist das schon der Klimawandel?

S: Natürlich ist ein Extremwetterereignis niemals als direkte Folge des Klimawandels zu beweisen, aber Ereignisse wie die Feuer in Australien, wo es zum Einen trockener und zum Anderen heißer wird, sind ein sehr plausibles Ereignis eines wärmeren Klimas. Genauso die Dürre in Kalifornien, die fünf Jahre dauerte und auch extreme Waldbrände brachte. Der Klimawandel ist komplex, er ist nicht nur eine Klimaerwärmung, sondern die ganze globale Zirkulation und der ganze hydrologische Kreislauf verändern sich. Genau das ist die Herausforderung der Klimaforschung heute, die Auswirkungen des Klimawandels, die wir uns meistens nur als eine globale Temperaturerhöhung vorstellen, noch genauer zu erforschen.

I: Welche Auffälligkeiten gibt es speziell in der Region, die du beobachtest?

S: Ich konzentriere mich auf den Alpenraum und hier sind Niederschläge ein großes Thema. Da gibt es immer wieder Extremereignisse, die Überschwemmungen zur Folge haben. Und wir können mit den regionalen Klimamodellen, die wir verwenden, diese Extremniederschläge gut erforschen, da wir eine hohe Auflösung, also eine geringe Gitterweite haben. Zudem gibt es natürlich Hitzewellen. Für den Alpenraum sind außerdem Schneefall und lokale Windsysteme von Bedeutung.

I: Was bedeutet es für den Alpenraum, wenn der Klimawandel weiter voranschreitet?

S: Der Alpenraum ist schon fast mediterran gelegen. Wir haben hier viel konvektiven Niederschlag*, der extreme Niederschläge bringt. Und wir haben sehr starke Orographie**, und Orographie ist wiederum ein starker Auslöser von Konvektion, von Extremniederschlägen. Gerade diese Komponenten sind von Interesse. Man nimmt an, dass sich der gesamte Niederschlag mit der Klimaerwärmung gar nicht groß verändert, die Niederschlagssumme nimmt vielleicht leicht ab. Die Extreme nehmen aber zu, also der Niederschlag intensiviert sich in seiner zeitlichen Frequenz und in seiner räumlichen Konzentration.

I: Inwieweit denkst du ist der Klimawandel noch aufzuhalten?

S: Bis zu einem gewissen Maße ist er nicht mehr aufzuhalten. Wir haben das Klima schon um ein Grad erwärmt und 1,5 Grad ist eigentlich fast nicht zu erreichen, auch wenn wir die Emissionen sofort stoppen würden. Die ganze Klimaerwärmung ist träge, wir sind in einem transienten Zustand. Unser Klima ist noch nicht im Gleichgewicht, der Gleichgewichtszustand wird erst erreicht, wenn auch die Ozeane alle Erwärmung aufgenommen haben. Aufzuhalten ist der Klimawandel nur durch Co2-Extraktion aus der Atmosphäre, wodurch sich unser Klima wieder auf sein altes Gleichgewicht zurückbewegen würde. Das sind aber alles Prozesse, die sehr langsam von statten gehen, hauptsächlich weil eben die Ozeane so träge reagieren.

I: Was würdest du jemandem sagen, der den Klimawandel leugnet?

S: Meistens hilft es nicht viel, was zu sagen, da die Person es nicht anders glauben will. Diese Leute glauben dann, was viele „alternative Klimawissenschaftler“ von sich geben, deren Argumente Verschwörungstheorien gleichen. Da werden bestimmte Korrelationen herangezogen und Ursache und Wirkung vertauscht. Prinzipiell ist es naiv und anmaßend, als Laie den Klimawandel zu leugnen. Es fehlt dann auch einfach der Respekt vor dem wissenschaftlichen Konsens. Dieser beruht auf ganz grundlegenden physikalischen Gegebenheiten, die solide sind. Wie brauchen nicht einmal komplexe numerische Klimamodelle, um den Klimawandel zu erklären. Es reicht einfache Strahlungsbilanz und die geht zurück auf einfache Thermodynamik. Also, was ich der Person sagen würde, ist: Überlegen Sie sich‘s bitte nochmal.

I: Gibt’s einen häufigen Klimawandel-Irrtum, den du aufklären möchtest?

S: In der heutigen Debatte, die wohl stark von Fridays for Future geprägt wurde, wird vieles in einen Topf geworfen. Es ist wahrscheinlich wenig hilfreich, eine Klimakatastrophe heraufzubeschwören. Natürlich wird sich das Klima ändern, und Extremwetterereignisse sind immer katastrophal. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es zur plötzlichen Katastrophe kommt, es sei denn, es werden gewisse Klima-Kipppunkte erreicht, zum Beispiel das Absterben des Amazonas-Regenwaldes. Solche Kippunkte können tatsächlich katastrophal sein. Ansonsten ist der Klimawandel ein schleichender Prozess, das macht es wahrscheinlich auch so schwierig, dagegen zu mobilisieren.*** Ein anderer Punkt wäre vielleicht noch, dass ökologische Fragen und Klimafragen oft in einen Topf geworfen werden. Die Vermüllung der Ozeane durch Plastik ist kein Klimaproblem, Artensterben ist in mancher Hinsicht auch kein Klimaproblem, sondern ein zu rücksichtsloser Eingriff des Menschen in die Ökosysteme. Trotzdem hat der Klimawandel jedoch auch katastrophale Konsequenzen für die ökologische Vielfalt auf unserem Planeten. Wir als Wissenschaftler haben die Aufgabe, Dinge nüchtern zu betrachten, in unserer Wortwahl nicht von Katastrophen zu sprechen und Dinge voneinander zu trennen.

I: Okay, nun zur letzten Frage: Welchen Einfluss hat das ganze Wissen, das du über den Klimawandel hast, auf dein persönliches Leben, also abseits von der Forschung?

S: Ich identifiziere mich mit der Klimaforschung und daher muss ich für die Integrität meines Charakters auch danach leben, was ich weiß. Und genauso bricht es mir teilweise das Herz, viele dieser Klimaextreme zu sehen. Daher versuche ich mich in einem möglichst klimafreundlichen Leben und Konsumverhalten, wobei mir natürlich auch die Beschränktheit meiner Möglichkeiten bewusst ist. Es müssen auch politische Maßnahmen auf globaler Ebene gefordert werden.

*als Schauer- oder Gewitterregen auftretender Niederschlag, der vorwiegend in den Sommermonaten auftritt.

**Orographische Niederschläge bzw. Steigungsniederschläge entstehen durch aufsteigende Luftmassen an Gebirgszügen oder ähnlichen orographischen, also höhenbezogenen Erhebungen.

*** Hinweis: Dies soll nicht als allgemeine Kritik an Fridays for Future missverstanden werden. Sebastian sagt selbst, dass es wichtig ist, politische Maßnahmen zu fordern. Die Kritik bezieht sich lediglich auf den Begriff “Klimakatastrophe”, den er als Wissenschaftler nicht verwenden würde.