Ich bin hier, ich bin laut

In China für das Klima zu demonstrieren, ist schwer. Aufstände erstickt das Regime im Keim, Fridays for Future und Extinction Rebellion sind unbekannt. Die 17-jährige Klimaaktivistin Howey Ou geht trotzdem jeden Freitag auf die Straße. Auch am 25. September, als weltweit Demonstrierende für das Klima durch die Städte zogen, streikte sie im Zentrum von Shanghai. Bis sie verhaftet wurde. Ein Gespräch über Widerstand in einem widerstandslosen Land.


Klimareporter.in: Wie war dein Klimastreik am 25. September?

Howey Ou: Es war sehr cool und übertraf meine Erwartungen. Wir haben außerhalb des Ausstellungszentrums in Shanghai mit Leuten gesprochen und sie eingeladen, der Bewegung beizutreten oder sich einer unserer Climate-Action-Gruppen anzuschließen. Obwohl wir an dem Tag ein Musterbeispiel für zivilen Ungehorsam gezeigt haben, wurden wir verhaftet. Darüber haben viele Medien berichtet. Es führte zu vielen Diskussionen, in China aber auch international. Deshalb denke ich: Wir waren erfolgreich.

Wie hast du die ganze Aktion geplant?

Vor dem Streik haben mich mehrere Leute kontaktiert. Sie hätten Interesse daran, am Schulstreik fürs Klima teilzunehmen. Ich telefonierte mich ihnen, wir teilten unsere Ideen zur Bewegung und was unsere Ambitionen sind, um eine gesellschaftliche Revolution zu starten. Dann habe ich die Leute vernetzt, wir hatten ein paar Meetings. In Brainstormings haben wir überlegt, was wir tun können, um den 25. September zu einer erfolgreichen Aktion zu machen.

Als Demonstrant verhaftet zu werden, ist in deinem Land normal. Hast du Angst vor Polizei und Regierung oder davor, langfristig eingesperrt zu werden?

Wir sind uns bewusst, dass es passieren wird. Aber wir sind uns auch der Risiken bewusst, die ziviler Ungehorsam mit sich bringt. In jeder Gesellschaft sind Protestierende mit verschiedenen Ebenen der Unterdrückung konfrontiert. In Europa wurde etwa Pfefferspray gegen Demonstranten eingesetzt, manchen ist es nicht erlaubt, in andere Länder zu reisen. Hier in China hat die Polizei meine Eltern angerufen. Sie haben mich verhaftet und verhört. Das ist nur ein notwendiger Prozess, um die Revolution erfolgreich zu machen. Wir Demonstranten müssen mutig genug sein, unser Durchhaltevermögen, aber auch gewaltfreie Prinzipien zu nutzen, um diese Hindernisse zu meistern. All die Unterdrückungen schädigen das Image der Regierung und erhöhen die ökonomischen Kosten. Wenn die Truppen und Regierungsmitarbeiter von uns inspiriert wurden, wenn sie wirklich über den Klimanotstand Bescheid wissen – dann werden wir den Kampf gewinnen.

Du bist so etwas wie eine One-Woman-Show in China, wenn es um die Klimabewegung geht. Warum bist du die einzige Aktivistin?

Ich bin nicht mehr die Einzige. Am 25. September nahmen jede Menge Schulen in China am stillen Klimastreik teil. Vier Protestierende aus verschiedenen Städten kamen nach Shanghai, um gemeinsam auf die Straße zu gehen. Ich habe mehr und mehr Leute gefunden. Einzelne Initiativen tun sich zusammen und wir versuchen, gemeinsam etwas zu bewegen. Das übertrifft meine Erwartungen und ist sehr ermutigend.

Was hält junge Leute davon ab, sich zu engagieren?

Überall auf der Welt reagieren Regierungen nicht angemessen auf die Klimakrise. Sie versuchen, die Wahrheit zu verstecken. Egal ob in den Nachrichten, im Radio, in Büchern, in den Schulen oder Zuhause – Leute reden nicht über diese existentielle Bedrohung unserer Zivilisation. Leute wissen nichts von dem Problem. Die Bildung, die Menschen hier in China erhalten, fördert unabhängiges Denken nicht. Sie werden nicht so erzogen, dass sie beurteilen, was richtig und falsch ist. Leute sind es gewohnt, das Autoritäre zu akzeptieren und die Worte der Regierung.

Menschen kritisieren also nicht, was die Regierung sagt?

Genau. Manchmal beginnt eine kleine Stimme in ihrem Herzen damit, Dinge anzuzweifeln. Aber leider ist überall Propaganda. Es ist sehr leicht zu erkennen: Wer das Richtige tun möchte, wird unterdrückt. Menschen fürchten sich davor, für etwas bestraft zu werden, das eigentlich richtig und moralisch ist. Also geben sie auf, es zu versuchen. Es ist die Angst vor der Unterdrückung, die Menschen zurückhält. Aber nicht die Unterdrückung selbst. Wenn Menschen keine Angst haben, können sie alles verändern.

Der Klimawandel hat sichtbare Auswirkungen auf die Umwelt, auch in China. Fällt Menschen das nicht auf oder verbinden sie es einfach nicht mit dem Klimawandel?

Im vergangenen Sommer zeigte sich den Menschen ein offensichtlicher und spezifischer Ausdruck der Klimakatastrophe. Im Süden Chinas litt die Gegend um Yangshuo unter starken Fluten und Stürmen. Über 14 Millionen Menschen waren betroffen. Weite Landflächen wurden zerstört, die Lebensgrundlage vieler Menschen bedroht. Ich besuchte meine Heimatstadt und die Familien, deren Häuser von den Fluten zerstört wurden. Es ist traurig zu sehen, wie sehr sie betroffen sind. Es sind die Menschen in der Gesellschaft, die am verletzlichsten sind. Sie wurden nicht für die zerstörte Ernte entschädigt, die sie sich unter schwierigen Bedingungen in der Corona-Pandemie erarbeitet haben. Aber es ist noch schlimmer und herzzerreißend zu sehen, dass sie sich unfähig fühlen, etwas zu ändern. Sie wissen nicht, dass das ein Problem ist, zu dem jeder beigetragen hat. Sie denken: Das ist einfach unser Schicksal. Ich denke es ist wichtig, Leute wissen zu lassen, was los ist und sie zu inspirieren und bekräftigen, dass ihre eigene Kraft etwas verändern kann.

Wie oft gehst du auf die Straße, um die Menschen zu informieren?

Jeden Freitag. Letzten Freitag waren wir wieder in den Fußgängerzonen unterwegs. Wir haben mit Passanten über unsere Bewegung und die Klimakrise gesprochen. Diese Woche habe ich vor, noch mehr Poster zu gestalten, die Leuten wissenschaftliche Fakten erklären können.

Streiken in der Fußgängerzone. © Howey Ou

Wie nehmen das Passanten wahr? Reden sie mit euch oder halten sie sich zurück?

Natürlich schauen uns die Leute an. Die meisten laufen einfach vorbei. Aber manche bleiben stehen, um zu lesen, was auf unseren Schildern steht. Manche reden lange mit uns. Diese Menschen sorgten sich schon vorher für die Umwelt. Sie wollen etwas tun, haben aber noch keinen Weg gefunden, wie.

Gibt es in China andere Institutionen, die sich für den Klimaschutz einsetzen?

Die ersten Umweltorganisationen wurden hier 1994 gegründet. Seitdem wurden immer mehr ins Leben gerufen. Greenpeace und WWF gibt es auch hier. Jedoch müssen alle NGOs in China an eine Regierungsabteilung angeschlossen sein. Sie dürfen nur ein Hauptquartier in Großstädten haben und keine lokalen Ableger. Das Problem ist, dass sich NGOs, wie auch in anderen Ländern, nicht komplett ihrer Verantwortung gemäß verhalten. Diese NGOs gibt es teilweise seit 20 bis 30 Jahren. Während dieser Zeit haben Wissenschaftler immer wieder auf die Krise aufmerksam gemacht. Obwohl sie sich als Umweltschützer bezeichnen, die das Gute für die Umwelt wollen, haben sie gesehen, wie die Situation immer schlechter wurde. Es reicht nicht aus. Sie stellen sich nicht der Realität, dass traditionelle Aufklärungsarbeit nicht funktioniert.

Präsident Xi Jingping hat angekündigt, dass China seine Klimaziele verschärft. Geplant ist, im Jahr 2030 den Höhepunkt der CO2-Emissionen zu erreichen und 2060 CO2-neutral zu sein. Es ist das erste Mal, dass China verspricht, Emissionen auf null zu setzen. Trotzdem baut das Land weiter Kohlekraftwerke. Was denkst du über diese Versprechen?

Ich war sehr aufgeregt, als ich das erste Mal davon hörte. Es ist das erste langfristige Ziel aus dem Pariser Abkommen, zu dem sich China bekennt. Forschungen des Climate Action Trackers zeigten, dass diese einzelne Maßnahme bis zu 0,2 – 0,3% der globalen Emissionen reduzieren kann. Ich denke, es sind gute Nachrichten. Trotzdem sagen Wissenschaftler wie Kevin Anderson von der Universität in Manchester, dass es nicht ausreicht. China müsste vor 2050 CO2-neutral sein und den Höhepunkt der Emissionen schon 2025 erreichen. Die 2060-Strategie ist falsch und betrügt Menschen. So wie die 60%, die die EU bis 2030 versprochen hat. All das behandelt die Klimakrise wie ein politisches Spiel. Sie nehmen die Krise nicht ernst. Und wir dürfen uns auch nicht betrügen lassen.

Im Juli 2020 waren in China 1.077 Kohlekraftwerke in Betrieb. © Statista

Was motiviert dich in einem Land, das es einem so schwer macht, Aktivist zu sein?

Millionen von Aktivisten aus der ganzen Welt, die etwas tun. Wenn sie etwas tun können, kann ich es auch. Wenn ich erwachsen bin, möchte ich nicht auf diese Zeit zurückschauen und sagen müssen, dass ich nichts getan habe. Leider habe ich gesehen, dass in China keine Leute aufstehen, um die Verantwortung zu übernehmen, die jeder globale Bürger übernehmen muss. Das inspirierte mich, mich der weltweiten Bewegung anzuschließen. Ich lernte mehr über die Krise und was in der Welt los ist. Über die Gründe und Auslöser, die die Welt zu dem machen, was sie ist. Und über gewaltfreien, zivilen Ungehorsam, der in der Geschichte schon oft erfolgreich war. Er könnte die letzte Chance sein, uns zu retten. Millionen junger Menschen nehmen die moralische Verpflichtung auf sich, ungerechte Regeln zu missachten und die Bestrafung dafür zu akzeptieren, diese ungerechten Regeln zu brechen. Damit erhöhen sie das Bewusstsein für das Thema in der Gemeinschaft, auch über Altersgruppen hinweg. Durch sie sehe ich die wahre Bedeutung des Lebens und den kleinsten Hoffnungsschimmer für die Menschheit.

Bist du optimistisch, wenn es um die Zukunft geht?

Anstatt zu antworten, ob ich pessimistisch oder optimistisch bin, würde ich gerne jeden dazu aufrufen, Mut zu fassen. Den Mut, den jeder von uns in seinem Herzen trägt. In diesen Zeiten müssen wir Mut zeigen. Wir sind es, die auf das Problem aufmerksam machen können. Wir können die Verantwortung übernehmen, die jeder übernehmen muss, um die Klimakrise zu bekämpfen.

Was rätst du jungen Menschen, die sich für den Klimaschutz engagieren wollen?

Besucht unsere Website und schaut euch die tollen Gruppen weltweit an. Ihr könnt bei euren lokalen Ortsverbänden schauen, welche Veranstaltungen anstehen und wie ihr helfen könnt. Ich empfehle auch immer, die Natur in eurem Leben zu bemerken. Das Wasser, das ihr jeden Tag trinkt. Das Essen, das ihr esst. Die Luft, die ihr atmet. Wenn ihr in die Natur geht, merkt ihr: Alles stammt aus der Natur. Die Natur stützt und ernährt dich. Sie ermutigt dich bei allem, das dir bevorsteht. Jeder hat eine starke Verbindung zur Natur. Wir müssen uns die Zeit nehmen, uns hinzusetzen und diese Verbindung zurückzubekommen. Das kann dich dazu inspirieren, deinen eigenen Wert zu erkennen und dich mehr mit Menschen um dich herum zu verbinden. So kannst du dich besser um die Welt sorgen.


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