Sol Haven im Interview: Mit Permakultur gegen die Obdachlosigkeit

Sol Haven im Interview: Mit Permakultur gegen die Obdachlosigkeit

Das Projekt Sol Haven will Menschen wieder zurück ins Leben bringen. Im Januar 2018 gründeten Sammuel Yisrael und Natasha Caton Sol Haven in Großbritannien. Sie kauften einen stillgelegten Hof, welcher nun ein großer Gemeinschaftsgarten ist. Ihre Leidenschaft für Permakultur – einer Form von nachhaltiger Landwirtschaft – und ihre Erfahrungen mit Obdachlosigkeit verbindet sie. Das Konzept der Permakultur bezieht sich aber nicht nur auf die Natur. Es bezieht auch die Bedürfnisse der Menschen ein und bietet einen Weg, um zu regenerieren. Sol Haven umfasst Natur- und Gartentherapie, Aufklärung über psychische Gesundheit, Bewegungsmeditation, Trommeln und Kochen. Das Projekt wurde im Mai 2023 auf der Lush Spring Prize Veranstaltung mit dem Permaculture Magazine Award ausgezeichnet. Unsere Autorin war vor Ort und hat mit den beiden gesprochen.

Sol Haven unterstützt die Natur, aber auch Menschen mit Behinderungen oder Wohnungslose. Wieso kombiniert ihr so viele unterschiedliche Bereiche in eurem Projekt?

Sammuel: All das ist miteinander verbunden. Permakultur umfasst die Pflege der Erde, Pflege der Menschen und gerechte Verteilung der Ressourcen. Wenn man Menschen in schwierigen Zeiten die Möglichkeit gibt, etwas zu pflanzen und es wachsen zu sehen, verändert das ihr Leben. Wir wollen, dass es den Menschen gut geht, denn wir waren beide an dunklen Orten, waren beide obdachlos und haben Ängste erlebt.

Natasha: Die Vielfalt in unserem Projekt ist auch ein Ausdruck von Freiheit. Freiheit durch Trommeln, durch Stimme, durch Kunstwerke, die wir machen. Es gibt so viele Menschen, die nicht frei sein können. Wir bieten einfach den Raum, in dem man sein kann, wer man ist.

Ist Sol Haven also das Konzept von Permakultur?

Sammuel: Permakultur ist eine Gestaltungsmethode. Nun, es ist mehr als das. Einer der Grundsätze ist das Beobachten und Interagieren. Wir schauen nicht nur auf die Natur und interagieren mit ihr. Wir schauen auf uns selbst, treten einen Schritt zurück und betrachten uns. Sehen, wer wir wirklich sind.

Wie hilft euer Gemeinschaftsgarten den Menschen?

Natasha: Bei unserem Programm geht es eher um die Bewältigung von Ängsten, Depressionen und psychischen Problemen, als um deren Beseitigung. Wir haben zum Beispiel einen Naturteich, der gerade gebaut wird. Und dann haben wir auch noch ein kleines Haus. Es ist wie ein kleines Hobbit-Haus. Wir nutzen diesen Raum für eins-zu-eins Betreuung oder für Personen, die gerade eine Krise durchmachen. Aber auch Menschen mit Behinderungen bieten wir Zugang. Wir haben Betten für Menschen im Rollstuhl. Wir haben einen dreiviertel Hektar großen Acker und unsere Wege sind ebenfalls barrierefrei. Aber es geht nicht darum, wie viel wir anbauen. Es geht vielmehr darum, wie sehr wir Menschen wachsen lassen.

Sammuel: Wir haben eine Vielfalt an verschiedenen Lebensmitteln, etwa Bohnen, Grünkohl und Kohlköpfe, sowie Knoblauch und Kartoffeln. Während der Corona-Pandemie haben wir über 3.500 Mahlzeiten für Obdachlose ausgegeben. 20 Prozent der Zutaten davon haben wir selbst angebaut. Die Menschen erreichen wir mit mehreren Initiativen: Früher haben wir viel mit Obdachlosen-Gruppen zusammengearbeitet, aber wir wenden uns auch an Vereine und Wohlfahrtsverbände. Dazu arbeiten wir mit sogenannten „Social Prescribers“. Das sind Allgemeinmediziner*innen, die Patient*innen haben, die von unserer Arbeit profitieren könnten. Sie werden an uns verwiesen. Wenn sie unter Angstzuständen oder Depressionen leiden, finden sie hier Wege, die sie aus dieser Situation herausholen. Über Permakultur nachdenken heißt, darüber nachzudenken, was die Menschen brauchen.

Im Januar 2018 gründeten Sammuel Yisrael und Natasha Caton Sol Haven in Großbritannien. Beide wissen wie es ist, obdachlos zu sein.

Ihr habt bereits erwähnt, dass ihr beide früher obdachlos wart. Wie habt ihr es geschafft, Kraft für ein solches Projekt zu bekommen?

Natasha: Ich war lange Zeit obdachlos und hatte auch früh mit Drogen und Alkohol zu tun, aber die Natur hat mich wieder zurückgebracht. Und ich wollte immer etwas an die Menschen zurückgeben, die mir geholfen haben. Sammuel und ich haben uns vor zehn Jahren kennengelernt. Wir hatten ähnliche Träume und einen ähnlichen Hintergrund. Den Bauernhof haben wir eher zufällig gefunden.

Sammuel: Meine Obdachlosigkeit war eher ein Zustand von tiefer Trauer und Verlust. Ich habe einige Zeit in meinem Auto verbracht und lange Zeit auf Sofas von Freunden übernachtet. Das ist nicht das gleiche wie das Leben auf der Straße. Aber ich hatte trotzdem keinen festen Wohnsitz. Dann kam ich nach Birmingham und fand Anschluss bei einer Community-Band. Seit 12 Jahren spiele ich nun Samba und trete auf Karnevalsveranstaltungen auf. Dort habe ich viel Menschlichkeit und Regeneration gefunden. Als wir uns trafen, hatten wir diese Idee und diesen Traum. Man kann einen großen Traum haben, aber man muss darauf hinarbeiten. Wir sahen uns Northampton an, fanden die Farm und haben einfach immer weitergemacht.

Natasha: Aber wir kamen nicht direkt von der Straße zum Hof. Es waren etwa 20 Jahre dazwischen.

Sammuel: Der Gemeinschaftsgarten hat sich mit der Zeit entwickelt. Er wurde auch von den Menschen angelegt, die zu unserem Projekt kamen.

Was wollt ihr mit eurem Projekt noch erreichen?

Sammuel: Wir würden gerne in jeder Stadt, in jedem Land einen Sol Haven haben. Die Idee von Sol Haven ist dieser sichere, grüne Raum. Manchmal kommen Leute zu uns und sagen: „Wir finden toll, was ihr macht, wir würden gerne dasselbe tun.“ Und wir sind offen für Menschen, die das tun wollen. Denn wenn wir jemanden dazu inspirieren können, in seiner eigenen Stadt einen Raum zu schaffen, wie wir ihn haben, dann ist das wunderbar. Wir arbeiten daran, dies durch die Verbreitung und Darstellung unserer Arbeit zu erreichen.

Natasha: Wir überlegen, eine Blaupause (Dokument, was Informationen und Prozesse der Organisation enthält, Anm. ) für alles zu entwerfen und sie den Leuten zu geben, die es machen wollen. Lernt aus unseren Fehlern. Dann braucht es vielleicht nicht so viel Zeit oder Geld. Die psychischen Probleme sind stark auf dem Vormarsch. Obdachlosigkeit ist immer ein Thema. Unsere Mission wäre erledigt, wenn wir das alles bekämpfen können.


Transparenz-Hinweis: Unsere Autorin ist auf Einladung zur Verleihung des “Lush Spring Prize” mit der Bahn nach Berlin gereist. Unterkunft und Reisekosten wurden von Lush bezahlt. Die Einladung des Unternehmens hatte keinen redaktionellen Einfluss auf dieses Interview.

Zum Projekt: https://slhavens.co.uk/