Über (Un-)Gerechtigkeit und Diversität im Klimajournalismus

Über (Un-)Gerechtigkeit und Diversität im Klimajournalismus

Der typische Journalist in Österreich und Deutschland ist männlich und über 45 Jahre alt. Gerade dienstältere Journalist:innen sind dem Klima als ressortübergreifendes Thema noch wenig aufgeschlossen. Für junge Journalist:innen wird es hingegen immer schwieriger, in der Branche Fuß zu fassen, schreiben Nina Ameseder und Lukas Bayer. Haben wir im Journalismus einen Generationenkonflikt und ein Diversitätsproblem?

“Einmal bin ich als Klimatante bezeichnet worden”, nimmt es Mia mit Humor. Sie ist bei einer internationalen Nachrichtenagentur tätig. Viele Leitungsfunktionen seien dort eher von älteren, männlichen Personen besetzt. Klimajournalismus bedeute mehr Arbeit und raus aus der Komfortzone. Dienstältere Kolleg:innen würden hier nicht immer mitziehen, moniert sie.

Mia ist die älteste von sechs Journalist:innen unter 35 Jahren, mit denen wir über einen potentiellen Generationenkonflikt im Klimajournalismus gesprochen haben. Einigen von ihnen – so auch Mia – haben wir Anonymität zugesichert und ihre Namen geändert. Junge Journalist:innen wie Mia könnten frischen Wind bringen, Führungspositionen werden aber meist von älteren, autochthonen Männern besetzt.

Überalterung und wenig Frauen

Zwei Drittel der Journalist:innen in leitender Position sind männlich. In den letzten Jahren ist der Altersschnitt in den Redaktionen Österreichs auf über 45 Jahre gestiegen. Nur jede:r zehnte Journalist:in ist jünger als 30 Jahre alt. Von den 14 Tageszeitungen des Landes werden einzig der ‘Kurier’ und ab Januar 2022 auch die ‘Oberösterreichischen Nachrichten’ (OÖN) von einer Frau geführt. Beim ‘Österreichischen Rundfunk’ (ORF) liegt der Frauenanteil je nach Hierarchie-Ebene zwischen 26 und 32 Prozent. Alle neun Landesstudio-Chefredakteure sind Männer.

In Deutschland sind die Altersstrukturen ähnlich. Zwanzig Prozent der Chefredaktionen überregionaler Tages- und Wochenzeitungen und sieben Prozent der Chefredaktionen der Regionalzeitungen sind weiblich besetzt. Nur vier der zwölf Intendant:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind Frauen. Deshalb fordern etwa der deutsche Verein ‘ProQuote’ oder das Frauennetzwerk in Österreich eine Frauenquote von 50 Prozent und faire Arbeitsbedingungen.

Wenig Migrationsgeschichte und viele Hochschulabschlüsse

Auch Paul und Nino heißen eigentlich anders. Paul schreibt als freier Mitarbeiter in einer Bezirksredaktion der ‘Niederösterreichischen Nachrichten’ (NÖN). Nino ist Volontär beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Während es in der konservativ geprägten Bezirksredaktion kaum Bewusstsein für den Klimajournalismus gibt, ist es bei Nino von Redaktion zu Redaktion unterschiedlich. Man arbeitet dort themenbezogen, darum spiele das Alter keine entscheidende Rolle. Bei einigen Redaktionen gäbe es aber viel Luft nach oben, was an mangelnder Diversität und fehlendem Grundwissen liege, deutet Nino an.

Fehlende Diversität meint nicht nur Alter und Geschlecht. Ein intersektionaler Journalismus muss die Gesamtbevölkerung eines Landes repräsentieren. Bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung und den durch die Covid-19-Krise sichtbar gewordenen Ungleichheiten sei das Problem der mangelnden Diversität aber weit unterschätzt worden, schreiben die Medienwissenschaftler Andy Kaltenbrunner und Renée Lugschitz in ihrem Bericht ‘Diversität und Journalismus’. Es gibt nicht einmal halb so viele Journalist:innen mit Migrationsgeschichte, verglichen mit dem Anteil an der Gesamtbevölkerung Österreichs (23,7 Prozent). Zudem haben überdurchschnittlich viele Journalist:innen einen Hochschulabschluss: fast 50 Prozent. Das deutet zwar auf mehr Expertise in der Branche hin, führt mitunter aber zu kompliziert geschriebenen Artikeln für eine akademische Leserschaft.

Ein Journalismus für alle

Diese Probleme sind auch Kassandra nicht fremd. Die Publizistik-Studentin fordert einen Journalismus für alle, der ein breites Publikum mitnimmt, einfacher geschrieben und mit Grafiken erläutert ist. Sie fühlt sich von vielen Beiträgen zwar als Österreicherin abgeholt, nicht aber als ‘Person of Colour’. Darum möchte sie eine Repräsentanz für Menschen wie sich schaffen. Diese Möglichkeit hat sie als freie Journalistin beim Instagram-Projekt ‘Die Chefredaktion’. Hier wird ein junges, diverses Publikum angesprochen. Kassandra dreht Videobeiträge zu Themen, die eng mit der Klimakrise verzweigt sind: Rassismus, soziale Gerechtigkeit und Feminismus. “Es gibt genügend Menschen, die sich gerne einbringen würden. Viele Medien wissen schlicht nicht, wie sie mit Diversität umgehen sollen”, meint die 19-Jährige.

Viele Medien wissen schlicht nicht, wie sie mit Diversität umgehen sollen.

Kassandra

Wichtig sei, sich als junge Journalistin mit einer Biographie wie ihrer nicht einschüchtern zu lassen. Man müsse sich etwas trauen, zur Not um Hilfe bitten. Ihr habe auch das Klimajournalismus-Camp des Netzwerk Klimajournalismus viel gebracht. Grundwissen zur Klimakrise und ein regelmäßiger Austausch seien enorm wichtig.

Das gilt nicht nur für junge Journalist:innen, sondern für alle Medienschaffenden. Die Klimakrisenberichterstattung müsse Alltag werden. In den oberen Etagen sei das durchaus angekommen, meint Mia und ergänzt: “Wir werden diese Debatte in fünf Jahren nicht mehr führen müssen.” Ob der Journalismus bis dahin auch diverser und jünger sein wird?

Diversität und Klima sind eng verwoben

Die Klimakrise ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Krise. Ihre Auswirkungen sind für alle Menschen spürbar, aber nicht gleichermaßen. Historisch gesehen tragen wohlhabende Länder des globalen Nordens – wie Österreich oder Deutschland – eine größere Verantwortung. Hier konsumiert man auf Kosten der Menschen des globalen Südens. Diese leben zumeist in vulnerablen Gebieten und bekommen die Auswirkungen der Klimakrise als erste und am stärksten zu spüren – obwohl sie kaum zum CO2-Ausstoß beitragen.

Im Sinne der Klimagerechtigkeit muss diese Kluft hinsichtlich Verantwortung, Möglichkeit und Betroffenheit eines Landes geschlossen werden. So steht es auch im Pariser Abkommen von 2015. Die genannten Punkte sind eng mit intersektionalen Faktoren wie Geschlecht, Einkommen, Rassismus oder (un-)demokratischen Verhältnissen eines Landes verwoben, welche strukturelle Ungerechtigkeiten weiter verstärken. Diese Verstrickung wird im Journalismus selten abgebildet.

Deshalb muss eine zeitgemäße Klimaberichterstattung Ungleichheiten abbilden und ressortübergreifend beleuchten. Es müssen unterschiedliche Blickwinkel eingenommen werden. Das beginnt damit, dass die Journalist:innen selbst unterschiedliche Erfahrungen und diverse Biographien mitbringen. Doch der Berufseinstieg wird immer schwieriger.

Ernüchterung und Lichtblicke

“Inzwischen hat man als junge Journalistin oder junger Journalist ein bisschen die Arschkarte gezogen”, zeigt sich Manuel ernüchternd. Früher war er als freier Journalist tätig, mittlerweile nur noch nebenberuflich. Mit einem Freund schreibt er seit einigen Monaten den Newsletter ‘Treibhauspost’. Alle 14 Tage beleuchten die beiden Klimathemen aus vielseitigen Blickwinkeln, etwa aus der Sicht eines fiktiven Öl-Lobbyisten.

Formate wie ‘Treibhauspost’ oder ‘Die Chefredaktion’ bieten einen jungen und diversen Journalismus, sind in ihrer Reichweite aber begrenzt. Ähnliches gilt für das gemeinnützige Online-Medium ‚Klimareporter.in‘, bei dem Inka– sowie wir beide – zu Klima- und Umweltthemen schreiben. Auch Inka kritisiert die fehlende Diversität und Inklusion in den Chefredaktionen. Ältere Journalist:innen würden ungern aus ihrer Arbeitsroutine ausbrechen. Das führe gerade bei Klimageschichten zu einseitigen Blickwinkeln.

Es gäbe aber auch Lichtblicke, meint Inka. Zum Beispiel die inklusive Redaktion ‘andererseits’. Dort arbeiten Menschen mit und ohne (intellektueller) Behinderung gemeinsam an journalistischen Inhalten. Hoffnung gibt der ausgebildeten Pädagogin auch das große Bewusstsein und Engagement junger Menschen. Sie will ein Teil der Veränderung sein, denn: “Je mehr wir sind, desto größer ist der Impact.”

Wie lange darf es dauern?”

Wie lange Veränderung dauern darf, fragt sich Kassandra. Immerhin gäbe es genügend Menschen, die sich einbringen möchten, sowie zahlreiche innovative Projekte. Gleichzeitig wird die Luft immer dünner. Seit 2006 gibt es in Österreich um ein Viertel weniger festangestellte Journalist:innen, hauptsächlich aufgrund von Sparmaßnahmen in den Redaktionen.

Grund zur Hoffnung geben hingegen die Entwicklungen im österreichischen Klimajournalismus in diesem Jahr. Bei der Wochenzeitung ‘Falter’ und der Gratiszeitung ‘Heute’ gibt es nun ein eigenes Klimaressort. Die Tageszeitungen ‘Standard’, ‘Kurier’ und ‘Kleine Zeitung’ setzen auf Newsletter und redaktionelle Schwerpunkte. Beim ORF gibt es mit den #Klimanews auf dem Radiosender FM4 und der Rubrik “Umwelt und Klima” auf ORF.at neue Formate.

Auch international tut sich einiges: Zwei Drittel aller Nachrichtenorganisationen weltweit wollen ihre Klimaberichterstattung erweitern. Das ergab eine Befragung des Medienwissenschaftlers Wolfgang Blau. Die meisten Redaktionen würden dafür entweder das Budget für ihr bestehendes Wissenschaftsressort erhöhen, ein separates Klimaressort einrichten, oder – eher seltener – ein ressortübergreifendes Klima-Team installieren. Derartige Investitionen sind durchaus gewinnbringend und schaffen neue Arbeitsplätze – möglicherweise für eine junge und diverse Generation an Journalist:innen? “Klima wird das eine Thema sein, bei dem man sich derart spezialisieren kann, dass man wirklich gute Chancen auf eine Stelle im Journalismus hat”, ist Mia jedenfalls zuversichtlich.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde zuerst auf dem Blog Das Klimathema veröffentlicht. Titelbild: ©Helena Katzenberger.